Woher bekommt Stuttgart sein Trinkwasser?

Die Zeit vor 1566

Der Raum Stuttgart ist ein Ballungsgebiet, das über Jahrhunderte von Wasserknappheit geprägt war. Vor dem Jahr 1566 nutzten die Stuttgarter Bürger Wasser aus einigen Quellen im Stadtgebiet sowie aus dem Nesenbach, der die Stadt auf einer Länge von 12,8 km von Südwest nach Nordost durchquert. Dem Nesenbach wurde zunehmend Wasser entzogen, so dass sich die Mühlenbetreiber in der Stadt 1564 über Wassermangel beschwerten.

Wasser aus dem Nesenbach und aus den Parkseen

Herzog Christoph, von 1550 bis 1568 Herzog von Württemberg, beschloss im Jahre 1566, ein Wasservorkommen im Südwesten der Stadt zu erschließen, das ungenutzt in die Glems abfloss. Dieses Wasser wurde in einem künstlich angelegten See, dem Pfaffensee, gefasst und durch einen Stollen dem Nesenbach zugeführt. Im Laufe der Jahre wurde das System der "Parkseen" weiter ausgebaut. Im Jahre 1874 wurde das Seewasserwerk Hasenberg gebaut, in dem das Wasser aus den Parkseen in Langsamfiltern aufbereitet wurde. Bild 1 zeigt die Pumpstation (links) und das Wärterhaus. Dem gleichen Zweck diente das Wasserwerk Gallenklinge, das 1933 gebaut wurde.

Bild 1: Seewasserwerk Hasenberg

Wasser aus dem Neckar

Die Stadt Stuttgart wird von Süden nach Norden vom Neckar durchflossen. Er ist eine fast unerschöpfliche Wasserressource, aber die Wasserbeschaffenheit setzt einen hohen Aufwand bei der Wasseraufbereitung voraus. Im Jahre 1861 wurde in Berg, einem Stadtteil von Stuttgart-Ost, ein Neckarwasserwerk gebaut. Die Wasseraufbereitung bestand zunächst in einer Filtration über Langsamsandfilter. Später kamen eine Flockung mit Aluminiumsulfat, eine oxidative Behandlung mit Chlor und eine Aktivkohlefilteranlage hinzu. Heute steht das Wasserwerk unter Denkmalschutz. Es hat immer noch wichtige Funktionen im Zusammenhang mit der Notwasserversorgung sowie als Übernahmestation für das Landeswasser aus dem Donauried.

Landeswasserversorgung

Mit Fernwasserversorgungen können Versorgungsprobleme überregional gelöst werden. Mengen- und Qualitätsprobleme gab es nicht nur in Stuttgart, sondern auch in weiten Bereichen Süddeutschlands. Schon im Jahre 1912 wurde die "Staatliche Landeswasserversorgung" gegründet. Seit 1917 wird im Donauried bei Niederstotzingen Grundwasser gewonnen und an die verschiedenen Verbands-Gemeinden, vor allem auch nach Stuttgart geliefert. 1953 bis 1957 wurde die Egauquelle bei Schotthof als zweites Wasserwerk der Landeswasserversorgung gefasst. 1973 baute die Landeswasserversorgung zusätzlich ein großes Wasserwerk, das Wasser aus der Donau entnimmt und dieses im Wasserwerk Langenau in mehreren Schritten zu ausgezeichnetem Trinkwasser aufbereitet. Insgesamt werden mit ca. 775 km Rohrleitungen 250 Städte und Gemeinden mit jährlich insgesamt ca. 90 Millionen Kubikmetern Trinkwasser versorgt.

Bodenseewasserversorgung

In weiten Bereichen Baden-Württembergs verschärften sich die Wasserprobleme in der Nachkriegszeit. Auch in der Stadt Stuttgart stieg der Wasserbedarf in den 1950er Jahren stark an. Ein zweites Fernwasserversorgungssystem war erforderlich. Im Jahre 1953 wurde der Zweckverband Bodenseewasserversorgung gegründet. Man hat sich dazu entschlossen, das Bodenseewasser bei Sipplingen in einer Tiefe von 60 Metern zu entnehmen und auf den 310 Meter höher gelegenen Sipplinger Berg zu pumpen. Dort wird das Wasser mit Mikrosieben, Ozonung und Sandfiltration gereinigt. Heute werden 320 Städte und Gemeinden mit einem Rohrnetz von 1.700 Kilometern Länge mit jährlich ca. 125 Millionen Kubikmetern Trinkwasser beliefert. Von den Versorgungszonen der Landeswasserversorgung und der Bodenseewasserversorgung soll Bild 2 einen Eindruck vermitteln. Wie man sieht, liegt Stuttgart an der "Nahtstelle" zwischen den beiden Versorgungssystemen und wird heute zu etwa gleichen Anteilen von beiden Systemen versorgt.

Bild 2: Fernwasserversorgung in Baden-Württemberg

Wasserverteilung

Die öffentliche Wasserverteilung in Stuttgart begann mit getrennten Rohrnetzen für Quell– und für "Nutzwasser". In den Häusern hatte man Nutzwasser. Quellwasser (Trinkwasser) musste man den dünnen Rinnsalen öffentlicher Brunnen entnehmen.

Beim weiteren Ausbau des Stuttgarter Rohrnetzes sollten die Bürger mit Wasser mit einem akzeptablen Druck von drei bis fünf bar versorgt werden. Woran die wenigsten Trinkwasserkunden denken: Die Verteilung von Wasser kann zu einem Druckproblem werden. Bekanntlich übt eine Wassersäule von zehn Metern an ihrer Basis einen Druck von einem bar aus. Im Falle von Stuttgart ergibt sich das Problem dadurch, dass sich die Stadt über ein Areal mit Höhenunterschieden von über 300 Metern erstreckt. Rein rechnerisch könnte sich also in den tiefer gelegenen Stadtteilen ein Druck von 30 bar ergeben. Diesem Druckproblem trägt man dadurch Rechnung, dass man Druckzonen mit insgesamt 44 Hochbehältern eingerichtet hat (zum Vergleich: die "ziemlich ebene" Stadt Hannover betreibt vier Hochbehälter).

Bei der Bodenseewasserversorgung beginnen die Druckprobleme bereits in Sipplingen. Mit hohem Energieaufwand wird das Wasser auf den Sipplinger Berg gepumpt. Nach der Wasseraufbereitung fließt das Wasser im freien Gefälle den tiefer gelegenen Zielgebieten zu und erreicht diese mit einem entsprechend hohen Wasserdruck. In Stuttgart nutzt man den hohen Druck aus, um die höher gelegenen Stadtteile zu versorgen. In anderen Fällen erreicht man eine Druckminderung, indem man Generatoren betreibt, mit denen ein Teil der Pumpenergie zurückgewonnen werden kann. Das Thema "Fernwasserleitungen" hat das Künstler-Ehepaar Matschinsky-Denninghoff zu einer Skulptur inspiriert, die in den Jahren 1972 und 1973 auf dem Sipplinger Berg aufgebaut wurde. Bild 3 zeigt das imposante Kunstwerk. Anlässlich der Jahrestagung 1974 der Fachgruppe Wasserchemie in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (heute: Wasserchemische Gesellschaft) wurde sie einem größeren Kreis von Fachleuten vorgestellt.

Bild 3: Skulptur auf dem Sipplinger Berg (1974)

Über den Autor

Professor Dr. K. Eberhard Oehler war Abteilungsleiter bei den Technischen Werken der Stadt Stuttgart. Während seiner aktiven beruflichen Tätigkeit war er Obmann des Mischwasserausschusses des DVGW und Chairman des "Standing Committee on Water Quality and Treatment" des IWSA. Er hat 1974 den Ehrenring des DVGW und 2010 die Ehrennadel der Wasserchemischen Gesellschaft erhalten. Professor Oehler nimmt mit seinen 92 Jahren immer noch regen Anteil an allen Belangen der Wasserchemie. Am Gesundheitstag des Sozialverbandes VdK Baden-Württemberg in Bad Cannstatt am 9. Mai 2014 hat Eberhard Oehler einen Vortrag mit dem Titel "Unser Trinkwasser" gehalten, der diesem Beitrag zu Grunde liegt. Das hohe Alter des Autors prädestiniert ihn für einen Rückblick. Heute ist Stuttgart die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg mit ca. 600.000 Einwohnern und einem jährlichen Wasserbedarf von ca. 37 Millionen Kubikmetern ("Wasserabgabe an Letztverbraucher" im Jahre 2010).