„Vorstellung der Wasserchemischen Gesellschaft“

Liebe Leserinnen und Leser,

der Staffelstab ist von der Fachgruppe Biochemie weitergereicht worden. Mit dem ersten Beitrag im neuen Jahr möchten wir uns als Fachgruppe vorstellen, die in 2014 für die Beiträge in der Aktuellen Wochenschau verantwortlich sein wird: Die Wasserchemische Gesellschaft.

Die Wasserchemische Gesellschaft hat eine sehr lange Tradition und wurde bereits 1926 als "Fachgruppe für Wasserchemie" im Verein Deutscher Chemiker gegründet. Die Fachgruppe entstand damals aus dem Bedürfnis heraus, die „auf dem vielverzweigten Gebiete der Wasserversorgung, Kesselwasseraufbereitung und Abwasserreinigung tätigen Chemiker zusammenzuschließen“, so im Vorwort zur ersten Ausgabe von „Vom Wasser“ 1927 als Sammlung der auf der ersten Jahrestagung 1926 in Kiel gehaltenen Vorträge. Schon damals wurde auf den interdisziplinären Charakter der Wasserchemie als Disziplin hingewiesen (das hieß nur noch nicht so), so dass man eine enge Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Hygienikern anstrebte und erreichte. Am Rande: die in „Vom Wasser“ gesammelten Vorträge wurden allesamt vorher in der „Zeitschrift für angewandte Chemie“, heute „Angewandte Chemie“ veröffentlicht, eine Zeitschrift, in der heutige Wasserchemiker wohl nur noch selten einen Beitrag zur Publikation unterbringen. Nach Ende des zweiten Weltkriegs erfolgte 1948 die Neugründung als "Fachgruppe Wasserchemie" in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Seit dem Jahr 2000 heißt die Vereinigung "Wasserchemische Gesellschaft – Fachgruppe der Gesellschaft Deutscher Chemiker". “Vom Wasser“ gibt es auch heute noch, seit 2004 aber nicht mehr als Buchreihe sondern als quartalsweise erscheinendes Mitglieder-Journal.

Das Emblem der Wasserchemischen Gesellschaft "Wasserkreislauf in der Retorte" symbolisiert den gesamten Nutzungszyklus des Wassers: Herkunft, Vorkommen, Gewinnung, Aufbereitung, Verwendung, Reinigung und Rückführung des Wassers in den Kreislauf der Natur. In all diesen Stufen spielen chemische Prozesse eine wesentliche Rolle, wie bereits die Gründungsväter der Fachgruppe erkannten.

Die Bedeutung von Wasser muss heutzutage kaum noch betont werden. Es gilt als einer der wichtigsten globalen Rohstoffe und wird manchmal gar zum „blue gold“ des 21. Jahrhunderst erklärt. Sofort erkennbar ist dies bei der Frage nach ausreichender Menge von Trinkwasser guter Qualität und dies verbinden auch die meisten Menschen mit der Ressource Wasser. Dass trotz erkennbarer Fortschritte immer noch 800 Millionen Menschen an einem Mangel an Trinkwasser leiden, zeigt die Relevanz auf globaler Skala. Fast noch schlimmer wiegt die Tatsache, dass im Bereich der grundlegenden sanitären Maßnahmen, also bei der Abwasserentsorgung, noch 2,5 Milliarden Menschen keinen akzeptablen Standard erreicht haben.

Global sind diese beiden untrennbar miteinander verbundenen Bereiche, die einst auch zur Gründung der Fachgruppe geführt haben, also immer noch Topthemen. Und auch wenn wir in Deutschland seit vielen Jahren einen sehr guten Standard erreicht haben, gibt es auch in diesen Kerngebieten auch heute noch neue Herausforderungen. Schlagworte sind hier z. B. Spurenstoffe, Desinfektionsnebenprodukte, weitergehende Abwasserreinigung, Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, analytische Bestimmungen im Ultraspurenbereich etc. Zu all diesen Themen werden wir Ihnen im Laufe des Jahres Beiträge aus der Wasserchemie vorstellen und versuchen, Ihnen die vielen Facetten der wasserchemischen Forschung zu vermitteln.

Neben diesen eher klassischen Feldern ist es selbst für einen Wasserchemiker aber manchmal verblüffend, an welchen Stellen Wasser in erheblichem Umfang eine Rolle spielt. Moderne industrielle Produktion und Energieversorgung etwa sind ohne Wasser kaum vorstellbar. Für die Betreiber von Großkraftwerken ist Wasser nach dem Brennstoff gleich die zweitwichtigste Ressource für den Betrieb des Wasser-Dampf-Kreislaufs. Und die dortigen Qualitätsanforderungen übersteigen ähnlich wie in der modernen Chipproduktion die des Trinkwassers bei weitem.
Der größte Wasserverbraucher weltweit ist aber die Landwirtschaft. Ohne Bewässerung großer Teile der Anbauflächen würde die Nahrungsmittelproduktion schon lange nicht mehr für die heutige Menschheit ausreichen. Wassernutzung in diesem Bereich bedarf natürlich auch einer ausreichenden Wassermenge und -qualität, kann aber durch Versalzung, Eintrag von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln auch zu erheblichen Beeinträchtigungen vor allem der Grundwasserqualität führen.

All diese Aspekte der Ressource Wasser sind untrennbar auch mit chemischen Prozessen verbunden, weitere Beispiele werden Sie schon im Beitrag von Dr. Walter Kölle in der kommende Woche lesen können. Die Wasserchemie befasst sich dabei mit allen Bereichen des Wasserkreislaufs. Sie beschreibt und untersucht die im Wasser auftretenden Stoffe und beschäftigt sich mit den chemischen Eigenschaften des Wassers, seinen Inhaltsstoffen und mit den Umwandlungen im oder durch das Wasser sowie mit dem Stoffhaushalt der Gewässer.

Das hört sich vielleicht etwas abstrakt an, aber denken Sie an Ihre ersten Erfahrungen mit der Chemie: oft war es Chemie in wässrigen Systemen, im Kochtopf, in der Badewanne, beim Salzstreuen, ... Die Einführung in die Chemie an Schulen und Hochschulen ist daher voll von chemischen Reaktionen meist in wässrigen Medien, wie Säure-Base-Chemie, Redoxreaktionen, Komplexierung, Fällung und Auflösung. Biochemische Prozesse finden selbstverständlich in wässrigen Medien statt, Waschen meistens auch. Wichtige Forschungsgebiete der anorganischen und organischen Chemie nutzen Wasser als Lösungsmittel, auch wenn die theoretische Chemie mit diesem Lösungsmittel manchmal noch ihre Probleme hat. In der analytischen Chemie werden so intensiv wässrige Systeme untersucht, dass Wasseranalytiker so wie ich selbst oft in beiden Fachgruppen zuhause sind. Die Lebensmittelchemie schließlich beschäftigt sich qua Definition mit Wasser als wichtigstem Lebensmittel, aber auch mit wässrigen Produkten jeglicher Art von Kaffee bis Bier. Man könnte Wasser daher vermutlich als ein wesentliches Bindeglied der Chemie ansehen. Schauen Sie sich einmal die Beiträge der aktuellen Wochenschau der letzten Jahre im Archiv an: Sie werden staunen, wie viel Wasser Sie dort finden! Den Wasserbezug in anderen Bereichen der Chemie wollen wir mit ausgewählten Beiträgen benachbarter Fachgruppen in diesem Jahr daher ebenfalls betonen, den Anfang macht die Analytische Chemie mit einem Beitrag zur Gadolinium-Speziesanalytik, natürlich in Wasser.
Die fachliche Arbeit der Wasserchemischen Gesellschaft findet zu guten Teilen in ihren Haupt- und Fachausschüssen statt.

 

Haupt und Fachausschüsse der Wasserchemischen Gesellschaft

 

Leitung:

Hauptausschuss I:
Analyseverfahren
Dr. Birgit Gordalla

Hauptausschuss II:
Stoffe und Gewässergüte
Dr. Tamara Grummt

Hauptausschuss III:
Wissenschaftliche Grundlagen
Prof. Dr. Thomas Ternes

Fachausschüsse:

Prüfung, Vereinheitlichung und Weiterentwicklung

  • Nationale Normung
  • Europäische Normung
  • Internationale Normung
Biologische Verfahren zur Beurteilung der Gewässergüte
Leitung: Dr. Tamara Grummt
Umweltbundesamt; Bad Elster Non Target Screening
Leitung: Dr. Wolfgang Schulz
Zweckverband Landeswasserversorgung; Langenau

Elektrochemische Verfahren in der Wasserchemie
Leitung: Dr. Marco Zedda
Universität Tübingen

Viren und Parasiten
Leitung: Dr. Lars Jurzik
Ruhr-Universität Bochum

Umweltisotopenchemie
Leitung: Dr. Maik Jochmann
Universität Duisburg-Essen

Chemikalien in Hydrofracking zur Erdgasgewinnung
Leitung: Dr. Martin Elsner
Helmholtz-Zentrum München

Bioanalytische Verfahren
Leitung: Prof. Dr. Ursula Bilitewski
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig

Transformationsprozesse bei der biologischen Abwasserreinigung und Abwasserwiederverwendung
Leitung: Dr. Arne Wick
Bundesanstalt für Gewässerkunde Koblenz

Bauchemie und Wasserqualität
Leitung: Dr. Frank Thomas Lange
TZW Karlsruhe

Oxidative Verfahren
Leitung: Dr. Carsten Prasse
Bundesanstalt für Gewässerkunde Koblenz

Anthropogene Stoffe im Wasserkreislauf
Leitung: Prof. Dr. Thomas Ternes
Bundesanstalt für Gewässerkunde Koblenz

Wasserchemische Gesellschaft / Stand 2014

Diesen wollen wir daher in unseren Beiträgen des Jahres 2014 genügend Raum für die Darstellung ihrer Aktivitäten geben. Beginnen wird in Woche 3 der Fachausschuss Bauchemie und Wasserqualität, und Sie werden auch hier die Schnittstelle zu Themen der Fachgruppe Bauchemie (Aktuelle Wochenschau 2011) entdecken. Folgen wird der Fachausschuss „Chemikalien in Hydrofracking zur Erdgasgewinnung“, natürlich mit Bezug zum Thema der AG Chemie und Energie (Aktuelle Wochenschau 2010). Eine wichtige Aktivität der Wasserchemischen Gesellschaft dient der Normung von Analyseverfahren im Wasserbereich – schließlich möchte jeder, dass die mit erheblichem Aufwand gewonnenen Analyseergebnisse richtig sind, denn falsche Befunde können erhebliche Konsequenzen haben. Wie die Normung von Verfahren zur Sicherung der Qualität beitragen kann, werden wir in einem Beitrag des Hauptausschusses I ausführlich darstellen.
Wasserchemische Forschung in Deutschland findet nicht nur an Hochschulen und Großforschungseinrichtungen statt. Daher werden wir auch Beiträge aus dem außeruniversitären Bereich, von Wasserversorgern, Wasserverbänden, Behörden und Wasserforschungsinstituten wie IfW, IWW und TZW dabei haben, deren Themen oft ganz besonders nah an der Praxis und damit der Lebenswelt von Ihnen allen liegen.

<b>Internationaler Late Summer Workshop 2013</b> der Wasserchemischen Gesellschaft in Maurach am Bodensee zum Thema Micropollutants in the Water Cycle.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen etwas Appetit auf die Beiträge der Wasserchemischen Gesellschaft in der Aktuellen Wochenschau in 2014 machen. Wir freuen uns auf das bevorstehende Jahr mit Ihnen und wünschen uns, Sie für das Element Wasser begeistern zu können. Im besten Falle gelingt es uns, Ihnen im Verlauf der nächsten 12 Monate die vielfältigen Aspekte, die mit Wasser und Chemie im weitesten Sinne zusammenhängen, auf für Sie interessante und unterhaltsame Weise darzustellen. Viele Autoren haben uns hierfür bereits ihre Unterstützung zugesagt. An dieser Stelle möchte ich mich schon einmal für deren Einsatz neben den nicht wenigen Haupttätigkeiten herzlich bedanken.

Jetzt bleibt mir nur noch, Ihnen viel Spaß bei der Lektüre in den nächsten zwölf Monaten zu wünschen!

Herzlichst

Ihr Torsten C. Schmidt
Vorstandsvorsitzender der Wasserchemischen Gesellschaft