„Als Freiberuflerin zum Editor-in-Chief.“

Barbara Elvers

Abbildung 1: Typische Seite des Stichworts Sensor-Based Sorting von 2010
Vermittlung von natur- und ingenieurwissenschaftlichem Wissen und Publikation von Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften ist eine spannende und herausfordernde Tätigkeit. Seitdem ich Mitte der 1980er Jahre meine ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet beim Übersetzen von Chemielehrbüchern gemacht habe, hat mich die Publikation von wissenschaftlichen Texten nicht mehr losgelassen. Heute bin ich Editor-in-Chief der renommierten Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry und leite ein Team von freien und festangestellten MitarbeiterInnen von Wiley-VCH.
Gerade haben wir die siebente 40bändige Printedition des Ullmann publiziert. Der Ullmann erscheint außerdem als Online-Publikation mit vierteljährlichen Updates und auf DVD, deren Update einmal pro Jahr publiziert wird. Eine typische Seite des aktuellen Stichworts Sensor-Base Sorting zeigt Abbildung 1, tiefere Einblicke in die Enzyklopädie bietet Ihnen das Video: Barbara Elvers on Ullman's. Meine Aufgaben umfassen die Autorenakquise anhand von Ullmann-Stichworten, die überarbeitet werden müssen, sowie die Identifizierung neuer industriell relevanter Themen, die als Artikel in den Ullmann aufgenommen werden sollen. Selbstverständlich arbeite ich eng mit meinem internationalen Herausgebergremium zusammen, bin aber bei vielen Themen auch auf meine eigene Spürnase angewiesen. Dabei helfen mir Besuche internationaler Kongresse und Workshops, Lesen von Fachzeitschriften, Recherchen in Patentdatenbanken und manchmal auch einfach Glück.

Das Suchen und Aufspüren von Autoren in den unterschiedlichsten Gebieten der industriellen Chemie (neben den klassischen Themen gibt es im Ullmann auch Stichworte wie "Adhesive Tapes", "Cheese and Whey" oder "Perfumes") ist auch nach über 20 Jahren immer noch eine sehr spannende Aufgabe. Nachdem ich die Autoren unter Vertrag genommen habe, betreue ich sie weiter, bis das Manuskript endgültig abgeliefert worden ist. Dies geschieht nur noch online, entweder laden die Autoren selbst ihr Manuskript auf einen externen Server hoch oder sie schicken es per Email an die Ullmann-Redaktion in Weinheim, wo es dann von meiner Mitarbeiterin hochgeladen wird. Nach erster Kontrolle teile ich dann die Manuskripte meinen Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen zu, d.h. sie erhalten Serverzugriff auf das ihnen von mir zugeteilte Manuskript. Meist sende ich noch eine Liste von Dingen mit, die mir beim Lesen des Manuskripts aufgefallen sind. Nach inhaltlicher/stilistischer und nachfolgender technischer Bearbeitung (schließlich handelt es sich um XML-Daten, XML = Extensible Markup Language, d.h. Auszeichnungssprache zur Darstellung hierarchisch strukturierter Daten) gelangt das Manuskript zur Herstellungsabteilung von Wiley-VCH, die es schließlich an den Satzbetrieb in Indien weiterreicht. Der Satzbetrieb erstellt und verschickt dann die Druckfahnen an die Autoren, die sie mit ihren Korrekturen an mich senden. Ich überprüfe die Fahnen noch einmal und schicke sie als pdf an die Herstellungsabteilung, die die Fahnen dann zur letzten Korrektur an den Satzbetrieb sendet. Nach vier bis sechs Wochen erhalten wir aus Indien die Nachricht, dass nun die endgültige HTML-Version vorliegt und der Beitrag im nächsten Online-Update und der nächsten Ullmann-DVD publiziert werden kann (s. Abb. 2).
Ich plane außerdem sogenannte "Ullmann-Spinoffs" zu bestimmten Themen, wie "Foods and Feeds" "Polymers and Plastics" oder“ Reaction Engineering", und habe vor einigen Jahren unter Einbindung einer Reihe von Ullmann-Autoren das "Handbook of Fuels—Energy Sources for Transportation", ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt, herausgebracht.

Wie alles anfing

Abbildung 2: Workflow der Artikelbearbeitung im Ullmann
Nach meiner Promotion in Kohlenhydratchemie an der Universität Hamburg im Jahre 1978 arbeitete ich zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich Endokrinologie der Universität Hamburg. Nach anfänglicher Faszination durch das mir völlig neue Gebiet entdeckte ich doch schon nach wenigen Monaten, dass die Endokrinologie, so wie sie in dieser Arbeitsgruppe verstanden wurde, und ich nicht zusammenpassten. Ohne Bedauern kündigte ich meine Stelle, um zusammen mit meinem Mann für ein Jahr als Postdocs in die chemische Industrie nach Kalifornien zu gehen. Dort arbeitete ich als Visiting Scientist beim SRI in Menlo Park auf verschiedenen Gebieten der organischen Synthese. Auf die Rückkehr nach Deutschland, wo unser erstes Kind geboren wurde, folgte aufgrund der beruflichen Tätigkeit meines Mannes ein Umzug in die Niederlande, wo wir drei Jahre wohnten, und unser zweites Kind auf die Welt kam. Danach ging es nach Frankfurt/Main.

Von Anfang an versuchte ich, wieder beruflich Fuß zu fassen, und begann mich in der chemischen Industrie im Raum Frankfurt auf eine Teilzeitstelle zu bewerben. Dies stellte sich als unmöglich heraus. Die Firmen waren nicht bereit, eine Chemikerin, die vorher nie bei ihnen gearbeitet hatte, mit einem Teilzeitvertrag einzustellen. Außerdem war es extrem schwierig, eine Ganztags-Kinderbetreuung zu organisieren. Der örtliche Kindergarten schloss um 12:00, der Kinderhort um 16:00, eine Kita gab es nicht. So entschied ich mich schließlich bei VCH (ehem. Verlag Chemie) als Freiberuflerin zu arbeiten: In der knappen Zeit, die mir neben der Familie zur Verfügung stand, übersetzte ich kurz hintereinander zwei Lehrbücher der organischen Chemie. Ich entdeckte, dass mich nicht nur das Formulieren von wissenschaftlichen Texten begeisterte und mir Spaß bereitete, sondern der ganze Prozess: von der Manuskriptabgabe über die Fahnenkorrektur bis man schließlich ein fertiges Produkt—ein Buch— in der Hand hält. Das Übersetzen von Lehrbüchern reichte mir nicht mehr, ich wollte größere Herausforderungen und beschloss, mich auf eine volle Lektoren/Redakteursstelle bei VCH zu bewerben.
Auf Anraten des Lektors, für den ich damals tätig war, bewarb ich mich 1987 auf eine Stelle als Redakteurin in der Ullmann-Redaktion. Dort war man mitten in der Publikation der 5. Auflage dieses Mammutwerks, in der man einen großen Schritt wagte: Dieses ursprünglich total deutsche Erzeugnis sollte zum ersten Mal auf Englisch produziert und eine internationale Autorenschaft unter Vertrag genommen werden. Dies ging mit einer Erweiterung des Redaktions-Teams einher, und so suchte man weitere Redakteure, eigentlich Native Speakers. Mein Zögern, mich auf eine solche Stelle zu bewerben, wurde von dem Lektor mit den Worten "einen besseren Native Speaker finden die sowieso nicht" vom Tisch gewischt. Und ich bekam den Job, eine Vollzeitstelle. Meine Vollzeittätigkeit wäre nicht ohne den tatkräftigen Einsatz dreier Au Pair-Mädchen, einer "Ersatzgroßmutter" und insgesamt einer häuslichen Organisation, in der alles wie am Schnürchen ablaufen musste, möglich gewesen.

Nach einem turbulenten Jahr 1988, in dem ein häufiger Personalwechsel beim Ullmann stattfand, übernahm eine Troika, die aus meiner englischen Kollegin, meinem englischen Kollegen und mir bestand, die Verantwortung. Damit waren wir alle drei nicht nur für das redaktionelle Bearbeiten von Artikeln, sondern auch für die Autorenakquise verantwortlich. Dies bedeutete, dass ich mich mit Themen befassen musste, über die ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht hatte, um mich mit potentiellen Autoren einigermaßen kompetent unterhalten zu können. Dies und auch die Erkenntnis, dass viele Arbeits- und Forschungsbereiche, die ich vorher nie wahrgenommen hatte, sich auch mit anspruchsvollen Problemen befassen, erhöhte die Faszination noch. Sich beim Arbeiten ständig weiter zu bilden und dazuzulernen, schätze ich als einen großen Vorteil dieser Tätigkeit.
Aufgrund einer weitere Auslandstätigkeit meines Mannes zog unsere Familie 1992 für vier Jahre nach Skandinavien. 1996 kehrten wir nach Hamburg zurück, wo wir seitdem wohnen. Die ganze Zeit habe ich meine Redakteurstätigkeit als Freiberuflerin unter verschiedenen Ullmann-Editors-in-Chief fortgesetzt.
Als mir 1999 die Schriftführung der Wiley-VCH Zeitschrift Starch/Stärke angeboten wurde, sagte ich sofort zu, da ich es als spannende Herausforderung ansah, neben einer wissenschaftlichen Enzyklopädie auch eine Zeitschrift zu produzieren und zu gestalten. Innerhalb von 10 Jahren vollzog ich den Übergang von einer überwiegend deutschen Publikation zu einer internationalen Fachzeitschrift mit Peer-Review-System und vom althergebrachten Prozedere des Einreichens-Redigierens-Setzens von Papiermanuskripten hin zum elektronischen Publizieren. Dennoch gab ich nach zehn Jahren die Redaktionsleitung von Starch/Stärke ohne Zögern ab, nachdem ich 2008 zunächst als Senior Acquistion Editor die Autorenakquisition und ab 2009 als Editor-in-Chief die Leitung der Ullmann-Redaktion übernahm. Für mich hat der Ullmann auch nach über 20 Jahren nichts von seiner ursprünglichen Faszination verloren.

Wichtige Netzwerke

Als begeisterte Chemikerin, der das Ansehen der Chemie in der Gesellschaft und die Selbstdarstellung der Chemiker nach außen ein wichtiges Anliegen ist, sehe ich es als selbstverständlich an, mich in der GDCh zu engagieren. Nach meiner Aufnahme in die Gesellschaft Deutscher Chemiker 1988 wurde ich Mitglied der Fachgruppen Geschichte der Chemie und der Liebig-Vereinigung für Organische Chemie und war von 2003 bis 2005 im Vorstand der GDCh Ortsgruppe Hamburg aktiv. Auch wenn unser Fachgebiet in der Öffentlichkeit heutzutage positiver gesehen wird als in den 1980er Jahren—als "Frankensteins" werden wir nicht mehr angesehen—, so gibt es immer noch eine Fülle von Vorurteilen, denen wir als Fach- und Standesorganisation entgegentreten und sie ausräumen müssen.
Als Chemikerin ist es mir auch ein wichtiges Ziel, Chancengleichheit —insbesondere gleiche Aufstiegs- und Karrierechancen—für Chemikerinnen und Chemiker in Forschung, Administration und Industrie zu erreichen. Damit Chemikerinnen ihre Potenziale so wie sie es wünschen entwickeln können, sind immer noch viele Steine aus dem Wege zu räumen. Als ich 2002 von der Gründung des AKCC erfuhr, bin ich sofort Mitglied geworden. Seit 2009 gehöre ich dem Vorstand an und sehe mit großer Freude, wie sich ein Netzwerk von Frauen und Männern, die Chancengleichheit leben, im Bereich der Chemie aufbaut.

  zurück nach oben  

Dieser Beitrag als Druckversion

Kontakt

Dr. Barbara Elvers
Editor-in-Chief Ullmann's Encyclopedia
Hennebergstr. 15
22393 Hamburg

Schlauer Fuchs

Unser Schlauer Fuchs diese Woche ist Verena R. aus Eisenhüttenstadt. Zur Frage:

In welchem Land befindet sich der Satzbetrieb von Ullmann´s Encyclopedia of Industrial Chemistry?

Schickte sie uns die erste richtige Antwort.
Bitte sehen Sie bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags mit einer neuen Frage von einer E-Mail-Antwort an schlauerfuchs@gdch.de ab.

  Einsendeschluss: gelöst

Unternehmen