Agfa und die beschaulichen Anfänge der Fotografie

Das 19. Jahrhundert war eine spannende Forschungs- und Technikzeit. Die Chemie erwachte in Wissenschaft und Industrie. In dieser Pionierzeit wurden auch zwei kleine Berliner Chemieunternehmen gegründet, aus denen später die Weltmarke Agfa hervorging. Ursprünglich konzentriert auf die Entwicklung und Produktion von Teer und Anilinfarbstoffen, erschloss sich das Unternehmen, mit viel Pioniergeist, Engagement, Innovationen und finanziellem Risiko, ein neues, zum großen Teil noch unerforschtes Geschäftsfeld – die Fotografie.

Zum Ende des vergangenen Jahrhunderts war die Silberhalogenidfotografie nach mehr als 150 Jahren am Ende ihres technologischen Lebenszyklus angelangt. Das “Internationale Jahr des Lichts und der lichtbasierten Technologien”  ist ein sehr guter Anlass, anhand der Anfänge der Fotografie bei der Agfa in Berlin, an diese Technologie zu erinnern.

Die Wurzeln der „Agfa“ liegen in Berlin. Am 11. Dezember 1850 erhielt Max August Jordan, Chemiker und Apotheker, die Konzession zum Bau und Betrieb einer chemischen Fabrik, die sich in den folgenden Jahren mit der Produktion von Berliner Blau erfolgreich entwickelte. Im Jahr 1863 erhielt Jordan eine weitere Konzession für den Aufbau und den Betrieb einer Anlage zur Gewinnung von Anilin und zur Herstellung von Farbstoffen daraus. Die Konzession umfasste die Destillation von Teer, die Fabrikation von Nitrobenzol, Anilin und roten und violetten Farbstoffen; die Produktpalette wurde in den Folgejahren stetig erweitert.

Abb. 2: Die ehemals Jordansche Chemische
Fabrik in Berlin-Treptow,
im Hintergrund die Berlin-Görlitzer Eisenbahn.

Neben der chemischen Fabrik in Treptow gibt es einen weiteren Vorläufer. Am 23. März 1867 stellten Carl Alexander Martius und Paul Mendelssohn-Bartholdy als „Gesellschaft für Anilinfabrication“ den Antrag auf Erteilung einer Konzession zur Errichtung einer Fabrikanlage zur Herstellung von Mirbanböl (Nitrobenzol) und Anilinöl. Am 29. September 1867 erfolgte die landespolizeiliche Genehmigung zur Errichtung dieser Anlage und zur Herstellung und zum Betrieb einer Dampfkesselanlage in Rummelsburg an der Spree.

Martius hatte als Assistent von August Wilhelm von Hofmann am Royal College of Chemistry in London und seit 1863 in einer englischen Farbenfabrik gearbeitet, wo er  den ersten Bisazofarbstoff der Welt, das „Bismarckbraun“, und den als Martiusgelb bekannten Farbstoff synthetisiert hatte. Als Hofmann den Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin annahm, wo er im Mai 1865 seine Vorlesungen begann, folgte ihm Martius als Assistent. Der zweite Unternehmensgründer, Mendelssohn- Bartholdy, wollte nach seinem Chemiestudium in Heidelberg seine Kenntnisse in organischer Chemie erweitern und ging 1865 an das neu gegründete chemische Institut  nach Berlin, wo er Martius kennenlernte.

Abb. 3: Die Chemiefabrik von Martius und
Mendelssohn-Bartholdy in Berlin-Rummelsburg.

Der erste Kunde der Gesellschaft für Anilinfabrication war die Jordansche Chemische Fabrik. Die Gründer erweiterten den Kundenkreis stetig und belieferten bald Teerfabriken an Rhein und Main. Mit privaten Mitteln war das Wachstum nicht mehr zu finanzieren, und so wurde 1873 Jordans Chemische Fabrik in Treptow umgewandelt in die „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication“ mit den Geschäftsführern Carl Alexander Martius, Paul Mendelssohn-Bartholdy und Emil Hallensleben. Die AG für Anilin-Fabrication übernahm dann die Gesellschaft für Anilinfabrication in Rummelsburg.

Hermann Wilhelm Vogel, Professor an der Technischen Hochschule in Berlin, hatte 1873 die spektrale Sensibilisierung von Silberhalogenid-Fotoplatten entdeckt, und konnte mit den ersten empirisch gefundenen Farbstoffen orthochromatische Fotoplatten herstellen. Für panchromatische Platten suchte er entsprechende Sensibilisatorfarbstoffe und erhielt von der AG für Anilin-Fabrication das Chinolinrot, wodurch die Firma das erste Mal mit der Fotografie in Berührung kam. Sensibilisiert mit diesem roten Farbstoff und mit dem von Charles Hanson Greville Williams 1856 synthetisierten blauen Farbstoff, dem Cyanin oder Chinolinblau, brachte er panchromatische Fotoplatten unter dem Namen Azalin in den Markt.

Abb. 4: Chinolinrot, Isochinolinrot, Cyanin (Chinolinblau), Isocyanin.

Nach dem frühen Tod von Mendelssohn-Bartholdy im Jahr 1880 trat sein Schwager Franz Oppenheim in die Fabrik ein. Oppenheim, Nachfahre des berühmten Bankhauses Sal. Oppenheim und verwandt mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy, hatte u.a. in Heidelberg bei Robert Bunsen Chemie studiert und in Bonn promoviert. Mit Eintritt in die AG für Anilin-Fabrikation übernahm er erfolgreich die Koordinierungsfunktion zwischen den Werken in Treptow und Rummelsburg. 1886 wurde er Mitglied der Geschäftsleitung und arbeitete ab 1895 als Vorstandsvorsitzender. Zu seiner großen Lebensleistung gehörte u.a., dass er eine fotografische Abteilung in Berlin aufbaute und in Wolfen, Sachsen-Anhalt, eine Fabrik gründete, die sich bald zur größten europäischen Filmfabrik entwickelte.

Der entscheidende Impuls für die Beschäftigung der Agfa mit der Fotografie kam von Momme Andresen. Ursprünglich eingestellt als Farbstoffchemiker, hatte er sich schon in seiner Jugendzeit mit der Fotografie beschäftigt und sie als Hobby später weiterbetrieben. Seine Versuche mit Trockenplatten und dem seit 1880 bekannten Hydrochinon als Entwickler befriedigten ihn nicht. Deshalb erprobte er aromatische Aminoverbindungen, die ihm als Ausgangsstoffe für neue Farbstoffe zur Verfügung standen, und fand, dass sich p-Phenylendiamin als Entwickler besser eignete. Dem Patent zum p-Phenylendiamin folgte im Jahr 1889 das zum Eikonogen, ein Entwickler, der bereits auf der „Photographischen Jubiläumsausstellung“ im selben Jahr ausgezeichnet wurde.

Abb. 5: Andresen Säure und Eikonogen.
Abb. 6: Etikett Rodinal.

Parallel zu diesen Arbeiten unternahm Andresen ab 1888 auch Versuche, das p-Aminophenol als fotografischen Entwickler zu nutzen. In den folgenden Jahren konnte er diese Forschungen erfolgreich abschließen. 1891 brachte die Agfa das p-Aminophenol unter dem Namen „Rodinal“ auf den Markt. Ein Jahr später folgten in Form verschiedener Derivate des p-Aminophenols weitere fotografische Entwickler. Die Produktionsaufnahme dieser Entwickler durch die AG für Anilinfabrikation und vor allem der erfolgreiche, ständig steigende Absatz – viele Menschen entdeckten in der Fotografie eine neue künstlerische Beschäftigung – bewogen die Unternehmensleitung, die Produktion weiterer fotografischer Artikel aufzunehmen. Auch hier war Andresen wieder die treibende Kraft. Am 27. August 1892 wandte er sich mit einem Schreiben an die Unternehmensleitung und unterbreitete den Vorschlag: „Bromsilbergelatine-Trockenplatten herzustellen, welche möglichst genau den bereits fabrizierten Entwicklersubstanzen angepasst werden sollten.“

Abb. 7: Abfüllen der Rodinallösung, 800 Flaschen pro Frau.

Ein wesentliches Problem war damals, dass es durch Reflexionen des Lichts an den Silberhalogenidkristallen und an der Grenzfläche zum Glas zu einem Lichthof  kam, wodurch das Auflösungsvermögen verringert wurde.  Auf der Grundlage des Patentes des kaufmännischen Angestellten (!), Otto Magerstedt, gelang es Andresen 1893, ein Verfahren zur Herstellung lichthoffreier Platten zu entwickeln, so dass im Mai 1894 auf einer kleinen Anlage die ersten lichthoffreien Negativplatten gefertigt werden konnten. Noch 1894 kamen orthochromatischen Platten in die Produktion, 1896 Diapositiv- und Ferrotyp-Platten und ab 1897 nach einem AEG-Patent Röntgenplatten.

Als erfolgreicher Produzent, der auf einen sich zunehmend entwickelnden neuen Fotomarkt drängte, dachte die Unternehmensleitung auch an eine entsprechende Reklame und Vermarktung: Am 13. Februar 1897 meldete die „Actien Gesellschaft für Anilin-Fabrikation in Berlin“ die Abkürzung ihres Namens „Agfa“ als Warenzeichen an. Bereits 1900 begann die Produktion von Rollfilmen, bald gefolgt von der Produktion von Kinefilm.

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