Als Chemikerin im wissenschaftlichen Bibliothekswesen

Nach der Promotion mit einer theoretischen Arbeit in der Anorganik im Anschluss an das Lehramtsstudium für Chemie und Mathematik hatte ich genügend „Wissenschaftsluft“ geschnuppert, um nach einer Aufgabe zu suchen, in der ich Informations- und Wissensmanagement mit Wissenschaft verbinden konnte. Die Leiterin der Fachbibliothek Chemie an der Universität Marburg empfahl mir das Bibliotheksreferendariat, das analog einem Lehramts- oder Rechtsreferendariat im Anschluss an ein wissenschaftliches Studium zum Beruf des Wissenschaftlichen Bibliothekars/der Wissenschaftlichen Bibliothekarin und damit für eine Tätigkeit im höheren Dienst einer wissenschaftlichen Bibliothek qualifiziert. Das Referendariat bestand aus einem praktischen Jahr, das ich in der SUB (Staats- und Universitätsbibliothek) Göttingen absolvierte und einem theoretischen Jahr, das mit dem 2. Staatsexamen abschloss. 

 

Ich konnte dann zunächst in meiner Ausbildungsbibliothek als Fachreferentin beginnen – eine der klassischen Aufgaben des höheren Dienstes. Als Bindeglied zwischen Universität und Bibliothek ist man zuständig für die Auswahl der wissenschaftlichen Literatur und Fachinformationen bezogen auf die Lehr- und Forschungsschwerpunkte der jeweiligen Fakultät und für die fachspezifische Nutzerberatung. Besonders gefragt ist dabei die Fähigkeit, die Relevanz von wissenschaftlichen Informationen kritisch zu bewerten und dies vor allem Studierenden zu vermitteln. Wichtig ist die kontinuierliche Kommunikation mit der Fachcommunity, um Veränderungen und Bedarfe frühzeitig zu erkennen und dann nachfrageorientiert Tools zum Informations- und Wissensmanagement anzubieten. 

 

Eine besondere Rolle bei den wissenschaftlichen Bibliotheken spielt die Technische Informationsbibliothek (TIB), an die ich 1999 als stellvertretende Direktorin wechseln konnte. Sie ist nicht nur die Deutsche Zentrale Fachbibliothek für Technik, sondern auch für Chemie sowie Architektur, Informatik, Mathematik und Physik. Als weltweit größte Spezialbibliothek für Technik und Naturwissenschaften versorgt sie die nationale und internationale Forschung und Industrie mit Fach- und Forschungsinformationen. Sie trägt die Verantwortung, das verzeichnete Wissen zu erhalten und aktuelle Informationen für Forschung und Entwicklung unabhängig von Ort und Zeit heute und in Zukunft bereitzustellen. Angesichts der Zunahme nicht-textueller Informationen wie Forschungsdaten, AV-Materialien oder 3D-Objekten gilt es insbesondere den Zugang zu diesen Forschungsdaten sowie ihre Verfügbarkeit und Zitierfähigkeit zu verbessern. In diesem Kontext arbeitet die TIB daran, eine Infrastruktur zu schaffen sowie Werkzeuge und Dienste zu entwickeln, um nicht-textuelle Materialien so einfach publizierbar, auffindbar und zitierfähig zu machen und dauerhaft bereitzustellen, wie es für Textdokumente Standard ist. 

 

Dass hier ganz neue Aufgaben und Herausforderungen entstehen, zeigt folgendes Beispiel der visuellen Suche in Forschungsdaten. Im Gegensatz zu Textdokumenten stellen Forschungsdaten durch ihre graphische Visualisierung andere Anforderungen an eine Indexierung, Suchbarkeit und Präsentation im Information Retrieval Prozess. 

Und was ist mit Chemie? 

Analytisches Denken und die methodische Arbeitsweise sind bei den Herausforderungen wie Big Data, Internet of Things, Information Overload von großem Vorteil. „Chemie“ wird immer dann gebraucht, wenn man mit der wissenschaftlichen Community, also den Chemikerinnen und Chemikern redet, was sie für ihre Arbeit an Tools benötigen. Eine der größeren Herausforderungen ist nach wie vor die chemischeOCR (OCR: Optical Character Recognition (Optische Zeichenerkennung)), um die enthaltene chemische Information in Bilder von Strukturformeln oder Reaktionsschemata zu prozessieren und in Strukturinformation rückzuübersetzen.

 

Weitergehende Informationen zur TIB: www.tib.eu

 

Abb. 1: Die Abbildung visualisiert die graphisch-interaktive Suche nach einem vom Nutzer vorgegebene Kurvenverlaufsmuster innerhalb eines großen Bestandes von Verlaufsmustern. Mehr dazu: www.vis-info.info/

Über die Autorin

Irina Sens studierte an der Philipps-Universität Marburg Chemie und Mathematik für das Lehramt an Gymnasien und promovierte 1993 in der Anorganischen Chemie. Seit 199 ist sie stellvertretende Direktorin der Technischen Informationsbibliothek. Sie ist die Vorsitzende des GDCh / Wiley-VCH Verlagsbeirats und Mitglied im Beratergremium des RÖMPP.