Chemiker im Präventionsdienst einer Berufsgenossenschaft

Chemiker bei den Berufsgenossenschaften untersuchen u.a. Unfälle und Berufskrankheiten. Erkenntnisse daraus helfen, ähnliche Fälle zukünftig zu vermeiden. Eine solche lehrreiche Erfahrung liefert der folgende Fall.

 

Der Unfall

Schichtbeginn: Der leitende Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens fängt morgens um sechs Uhr an. Seine Mitarbeiter kommen gegen sieben Uhr, Zeit genug für vorbereitende Tätigkeiten: Kontrolle der Messeräte, Reinigen der Anlagenteile – im Lebensmittelbereich gelebte Routine. An diesem Morgen ist auch die verkalkte Heizspirale des Dampferzeugers dran. Mit wenigen Handgriffen ist die Pumpe angeschlossen, ein Schlauch leitet stark verdünnte Säure über die Rohre. Plötzlich platzt der Schlauch, die Säure spritzt auf die Wände und Teile der Anlage. Routiniert werden die Pumpe abstellt und der Schlauch geborgen. Mit klarem Wasser werden die Säurespuren rückstandlos entfernt. Dann beginnt die Schicht, vom Vorfall am Morgen wird nichts bemerkt. 

Auf dem Weg nach Hause fühlt sich der Mitarbeiter unwohl, er vermutet eine Erkältung „im Anmarsch“. Daheim legt er sich auf die Couch. Der Husten verstärkt sich, hinzu kommt Atemnot. Da wird die Ehefrau aktiv und fährt ihren Mann zur Notaufnahme des Krankenhauses. Anamnese, Diagnose und Behandlung durch den anwesenden Arzt fallen oberflächlich aus – es ist Anfang Januar und Erkältungszeit! Gegen die Atemnot reicht Cortison-Spray. Trotz Cortison bleiben Hustenreiz und Atemnot - in den folgenden Stunden verschlechtert sich sein Gesundheitszustand dramatisch.

Am nächsten Morgen meldet der Geschäftsführer persönlich den Unfall bei der Berufsgenossenschaft: Ein leitender Mitarbeiter habe einen Unfall gehabt und liege nun in kritischem Zustand auf der Intensivstation eines Uni-Klinikums. Es folgen die Unfallanzeige, alle Sicherheitsdatenblätter und Betriebsanweisungen. Unübersehbar: die fehlende Aktualität. Die Sicherheitsdatenblätter sind ebenso veraltet wie die Betriebsanweisungen, und für den leitenden Mitarbeiter selbst fehlt jeglicher Nachweis einer Unterweisung.

 

Aufarbeitung des Vorfalls

Vier Wochen später hat das Unfallopfer seine Tätigkeit uneingeschränkt wieder aufgenommen. Doch was war passiert?

Nachdem am Unfalltag die Symptome nicht verschwanden, sondern sich verschlimmerten, fingen die Eheleute an im Internet zu recherchieren. Als medizinische Laien suchten sie eine Erklärung für die Symptome und Beschwerden. Was passte: das „chemische Inhalationstrauma“! Erneut wurde die Ehefrau aktiv und brachte ihren Mann ins nächst größere Kreiskrankenhaus. Es ist fast Mitternacht, als die behandelnden Ärzte dem Hinweis  auf ein chemisches Inhalationstrauma nachgehen: der Sauerstoffgehalt des Bluts betrug 57% - Normbereich sind 90-96% Sättigung.

Es folgt die unmittelbare stationäre Aufnahme, Verlegung auf die Intensivstation und etwas später in eine Universitätsklinik.

 

Nachgehende Betrachtung

Lebensrettend war letztlich Neugier, Überlebenswille und vor allem die Internet-Recherche. Verätzungen der Lunge durch schwache Säuren oder verdünnte Säuren können über mehrere Stunden schleichend das Lungengewebe massiv schädigen, ohne dass es die Betroffenen merken. Erst spät kommt es zu ersten wahrnehmbaren Beschwerden, dann aber ist der weitere Verlauf mitunter fulminant und endet manchmal tödlich, wenn die Ursache nicht rechtzeitig genug erkannt und mit der richtigen Behandlung begonnen wird.

 

Fazit

Alle Beteiligten müssen aus solchen Unfällen lernen und Ursachen und Vermeidungsstrategien in Schulungen, Vorträge und Artikel aufnehmen.

Über den Autor

Diplom-Chemiker Dr. Werner Steinert ist Technischer Aufsichtsbeamter bei der Bezirksstelle Bochum der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. 1975 Studium der Chemie in Bochum und Essen, 1985 Ausbildung zum Technischen Aufsichtsbeamten bei der Lederindustrie-Berufsgenossenschaft in Mainz, 1995 Wechsel zur Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege Dienststelle Bochum.