Die Mär vom langen Aktenwälzen

Ich bin jetzt 6 Jahre im öffentlichen Dienst. In REACH arbeite ich an hoheitlichen Aufgaben mit, also an der Umsetzung der Europäischen Verordnung für das Inver-kehrbringen von Chemikalien. Wenn ich das bei Treffen mit ehemaligen Kommilito-nen erwähne, folgt reflexartig die Frage: Ist das nicht langweilig?

Meine Aufgaben umfassen viel Schreibtischarbeit – das kann ich nicht bestreiten. Es ermöglicht aber auch Dienstreisen im EU-Ausland (z.B.  Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen), Planung regulatorischer Maßnahmen (z.B.  für Tierversuchsantrag oder Forschungsprojekte) und erfordert die Bildung eines großen Netzwerkes. Ganz nebenbei, quasi als i-Tüpfelchen, ist ein Beschäftigungsverhältnis im Bereich hoheitlicher Aufgaben in der Regel unbefristet. Und wie kommt man dahin?

Ein starkes Interesse für Biologie und Naturwissenschaften allgemein haben mich zu meiner Studienwahl – Biochemie – bewogen, damals der erste und leichteste Schritt. Das Studium hat sich dann als Herausforderung für Körper und Geist herausgestellt – was viele Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge mit sich anschließender Promotion sicher bestätigen. Monatelang ohne Pause jeden Tag ins Labor – aus innerem Antrieb und der Überzeugung an der eigenen Arbeit – die Verteidigung der Dissertation war ein wichtiger Meilenstein. In diesen Jahren hat man unter Umständen Verträge in Kauf genommen, die manchmal nur monatlich verlängert wurden, immer in der Hoffnung, dass der nächste Forschungsantrag genehmigt wird. Ich persönlich habe diese Zeit als belastend empfunden. 

Als ich eher zufällig darauf gestoßen bin, dass die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unbefristet naturwissenschaftliche Mitarbeiter für REACH ein-stellt, habe ich mir folgende Fragen gestellt:

Was ist notwendig, um in der Wissenschaft erfolgreich zu sein? 

- Ein gutes Projekt, gute finanzielle Aufstellung, Publikationen. 

Wie kann man diese Dinge gewährleisten?

- Über Auslandsaufenthalte, über genehmigte Anträge und ehrlich gesagt auch etwas Glück mit dem Projekt.

Und was wollte ich eigentlich? 

- Auch mal eine Familie gründen und vor allem, langfristig planen.

Daher habe ich mich beworben. Obwohl ich mich intensiv über REACH informiert hatte, konnte ich natürlich nicht wirklich wissen, was mich erwartet. 2011 war die Verordnung noch nicht lange in Kraft und operativ waren einige Prozesse noch nicht angelaufen. Darin habe ich auch meine Motivation gefunden. In eine so weitreichende EU-Verordnung zu einem frühen Zeitpunkt einzusteigen, ermöglicht mir vielleicht sogar eine Beteiligung oder einen Beitrag zum Gesamtprojekt Chemikaliensicherheit in der Europäischen Union. Ein sehr idealistischer Gedanke, aber ich finde, dass es eigentlich keinen Unterschied gibt zum eigenen Forschungsprojekt. Als junger Forscher hat man doch auch im Hinterkopf, mit seinen Beitrag zum globalen Verständnis beizutragen, wie die Welt auf molekularer Ebene funktioniert – auch ein sehr idealistischer Gedanke. 

Und was ist mit Chemie? Im Labor stehe ich nicht mehr, aber mit Chemie habe ich viel zu tun. Um Studien zu verstehen und Anwendungen von Chemikalien zu kennen, kommen mir die im Studium erlernten Fakten und das strukturierte Denken zu gute. Und inzwischen mehr habe ich mehr industrielle Anlagen von innen gesehen, als ich jemals gedacht hätte.

Ich habe den Schritt nie bereut. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich meine Arbeit als langweilig empfunden hätte. Sicherlich ist es nicht für jeden etwas, sich mit politischen Aspekten auseinanderzusetzen. Aber im öffentlichen Dienst gilt ebenso wie in der Forschung: man hat die Möglichkeit sich nach seinen Interessen zu orientieren. Gerade in Deutschland gibt es eine Vielzahl an Behörden und öffentlichen Stellen, die sich direkt oder indirekt mit Chemikalienregelungen auseinander setzen, was sich auch in den Beiträgen der Wochenschau bisher widerspiegelt.

Über die Autorin

Dr. Romy Marx, Studium und Promotion in Biochemie, Ruhr-Universität Bochum (2001-2009). Seit 2011 tätig in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedi-zin (BAuA) im Bereich Gefahrstoffmanagement.