„Biokatalyse und Biotransformationen in der chemischen Industrie“ |
Karlheinz Drauz und Michael Dröscher
Biokatalyse und Biotransformationen gibt es seit ca. 4.000 Jahren und war in alter Zeit eng verknüpft mit der Herstellung von Wein und Essig. 1858 fand L. Pasteur die erste mikrobielle Racematspaltung von Weinsäure mit Hilfe eines Penicillium-Pilzes, der nur ein Enantiomer selektiv verstoffwechselte. 1876 führte W. Kühne den Begriff "Enzym" ein und 1897 berichtete E. Buchner über eine alkoholische Gärung mit einem zellfreien Hefeextrakt. Das war die eigentliche Geburtsstunde der nicht fermentativen Biotransformationen.
Enzyme sind Katalysatoren, die die Natur während der Evolution in Jahrmillionen entwickelt und optimiert hat für eine Vielzahl chemischer Reaktionen zur Synthese, Umwandlung und Abbau von Molekülen, die für die Lebensvorgänge essentiell sind.
Daher entfalten die meisten Enzyme ihre Aktivität in einem Temperaturbereich von 20 - 45 °C in Anwesenheit von Wasser bei pH-Werten zwischen 5,5 und 8,5. Sie erhöhen die Reaktionsgeschwindigkeit um einen Faktor bis 107 bis zum Erreichen des thermodynamischen Gleichgewichts, ohne es zu verändern. Das bedeutet, dass Enzyme prinzipiell Hin- und Rückreaktionen katalysieren.
Der Enzymmarkt hat gegenwärtig ein Volumen von ca. 2 Mrd.€. Enzyme finden Anwendung in der Futter- und Lebensmittelindustrie, bei der Produktion von Leder, Textilien, Papier, als Waschmittelbestandteil, in der Medizin, Diagnostik und Analytik und stark steigend bei der Herstellung von Bulk-, Spezial- und Feinchemikalien.
Biokatalyse unter Verwendung von isolierten Enzymen und ruhenden Ganzzellkatalysatoren hat heute auf Grund ihrer Leistungsfähigkeit ihren festen Platz in der Synthesechemie und in der industriellen Produktion:
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Die Enzyme werden entsprechend ihrer Funktion in 6 Hauptgruppen eingeteilt; damit bewältigt die Natur die ganze Chemie des Lebens (Tabelle 1). Manche Enzyme wirken in Form der reinen Proteine. An den meisten enzym-chemischen Prozessen sind jedoch außer den Enzym-Proteinen bestimmte Cofaktoren (Coenzyme, die oftmals eng mit Vitaminen verwandt sind, sowie anorganische Ionen) als essentielle oder aktivitätssteigernde Komponenten des katalytischen Zentrums eines aktiven Biokatalysators beteiligt.
| 1. Oxidoreduktasen | Oxidation/Reduktion von Substraten oder Cofaktoren |
| 2. Transferasen | Übertragung von Gruppen und Molekülfragmenten |
| 3. Hydrolasen | Hydrolytische Abspaltung von Molekülgruppen |
| 4. Lyasen | Nicht hydrolytische Spaltungen von Substraten |
| 5. Isomerasen | Katalysieren Umlagerungsreaktionen sowie Racemisierungen |
| 6. Ligasen | Verknüpfung zweier Substrate unter Verwendung energiereicher Nucleosid-Triphosphate |
| Tabelle 1: Die Enzyme werden in 6 Hauptklassen eingeteilt. | |
Enzyme und Ganzzellsysteme sind nachwachsende Katalysatoren. Besitzt man deren Gene und Expressionssysteme, so kann man jederzeit Zellen mit der gewünschten Aktivität fermentieren und diese als ruhende Zellen direkt oder nach Zellaufschluss die daraus isolierten Enzyme als Biokatalysatoren einsetzen.
Die Ganzzellbiokatalyse hat manche Vorteile: die oftmals verlustreiche Enzymisolierung entfällt, und es können mehrere biokatalytisch wirksame Enzyme in der Zelle incl. der intrazellulär vorhandenen Cofaktoren genutzt werden. Die Zelle ist eine Art Mikro-Bioreaktor, der Enzyme samt Cofaktoren oftmals besser gegen den chemischen Stress (z.B. organische Lösungsmittel) einer Biotransformationsreaktion schützt. Auf Grund ihrer Größe sind ganze Zellen als heterogene Biokatalysatoren am Reaktionsende durch Mikrofiltration leichter abtrennbar als homogen gelöste freie Enzyme. Eine Immobilisierung der Enzyme wird daher nicht mehr notwendig.
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Zur erfolgreichen Durchführung von Biokatalyse und Biotransformationen müssen folgende Schritte durchlaufen werden:
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Der Fortschritt gegenüber den klassischen Methoden beruht auf dem Einsatz von molekularbiologischen Techniken zur Erzeugung von Mutantendatenbanken in der Größe 107 - 1010 und dem Einsatz eines Hochdurchsatzscreenings zur Auswahl der besten Mutanten. Damit kann man heute in überschaubarer Zeit und erfolgreich die für eine spezielle Biotransformation wichtigsten Eigenschaftsparameter eines Enyzms optimieren:
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Je nach Anforderungen, welche der Biokatalysator und Reaktionsführung stellen, sind verschiedene Reaktorkonzepte für Biotransformationen möglich. Es werden nach Möglichkeit chemische Standardapparaturen verwendet, vom konventionellen Rührreaktor über einen Festbettreaktor bis hin zu Membranreaktoren. In letzteren wird bei Evonik die essentielle Aminosäure L-Methionin über eine kontinuierlich betriebene enzymatische Racematspaltung erhalten.
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| Acrylamid | Nitrilhydratase |
| Phospholipide | Phospholipase |
| Fettsäureester für die Kosmetik | Lipase |
| Silikonpolyätheracrylat | Lipase |
| L-Methionin | L-Acylase, L-Hydantoinase-System |
| L-Asparaginsäure | Lyase |
| L-Alanin | L-Decarboxylase |
| L-tert.-Leucin, L-Neopentylglycin | L-Leucindehydrogenase |
| ß-Aminosäuren | Lipasen |
| D-Aminosäuren | D-Hydantoinase-System |
| Optisch aktive Alkohole | Alkohodehydrogenasen |
| Pharmaintermediate | Verschiedene Enzyme |
| Tabelle 2: Überblick über die wichtigsten bei Evonik Degussa GmbH entwickelten biokatalytischen Verfahren. | |
Biokatalyse und Biotransformationen haben heute ihren festen Platz in Forschung, Entwicklung und Produktion und sind etablierter Teil in der Katalyse (Abbildung 8). Für etliche Problemstellungen liefert diese Technologie die besten Lösungen, die von der klassischen Chemie nicht erreicht werden können. Durch neue und weiter verbesserte Enzyme wird es immer mehr angewandte Transformationen geben. Gewinnung, Optimierung und Einsatz von Enzymen erfordert ein interdisziplinäres Arbeiten im Team von biologisch chemisch und verfahrenstechnisch versierten Wissenschaftlern.
Der zunehmende Bedarf an der ressourcen-, energiesparenden und abfallarmen Produktion vieler für uns wichtiger Chemikalien und der verstärkte Einsatz nachwachsender Rohstoffe eröffnet diesem Gebiet eine zunehmende Bedeutung - wissenschaftlich und wirtschaftlich. Die Mehrzahl der heute verwendeten Biokatalysatoren sind mikrobiellen Ursprungs (Bakterien, Pilze, Hefen), einige wenige stammen von Pflanzen oder Säugetieren. Obwohl heute ca. 5.000 Enzymproteine bekannt sind, ist es nur ein winziger Teil des in der belebten Natur vorhandenen Pools.
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