„Als Gast an der National University of Singapore“
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Herbert Hugl
Singapur ist ein Stadtstaat. Auf einer Fläche von 700 km² leben derzeit etwa
4,5 Mill. Einwohner. Seit der Staatsgründung im Jahr 1965 hat sich die
Wirtschaft außerordentlich erfolgreich entwickelt. Eine wichtige
Voraussetzung dafür war und ist das gute funktionierende Zusammenleben
der drei wichtigsten Bevölkerungsgruppen, Chinesen, Malaien und Inder.
Singapur zählt heute zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Es verfügt
über eine vorbildliche Infrastruktur, ein breites und qualitativ hochwertiges
Angebot an Bildungseinrichtungen und schließlich über eine großzügige und
effiziente Forschungsförderung. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften
sind die beiden staatlichen Universitäten, die National University of Singapore
(NUS) und die Nanyang Technical University (NTU) sowie staatliche Großforschungseinrichtungen in
Netzwerke mit führenden Universitäten in den USA, Europa, Japan und
China eingebunden (Abbildung 1). So gibt es beispielsweise seit einigen
Jahren einen gemeinsamen Studiengang der NUS und der TU München zum
Master of Science (MSc) für Industrielle Chemie.
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Abbildung 1: Das Chemistry Department der NUS verfügt über moderne Laborgebäude
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Natürlich prägen der Handel und die Banken die Stadt. Singapur ist
schließlich der größte Containerhafen der Welt. Aber auch die Industrie und
das Gewerbe tragen wesentlich zur Wertschöpfung bei. Die wichtigsten
Industriesparten sind Chemie und Elektronik. Da auf der Hauptinsel
Singapurs nicht genügend Platz für die Ansiedlung großer Chemieanlagen
war, wurden Raffinerien und chemische Fabriken auf einer vorgelagerten
Insel, Jurong Island, angesiedelt . Mittlerweile investieren und produzieren
dort viele internationale Chemiekonzerne, aus Europa unter anderem Akzo
Nobel, Lonza und Lanxess. Ständig kommen neue Firmen dazu. Nachdem
der Schwerpunkt der Investitionen bisher auf den Gebieten der
Basischemikalien und Kunststoffe lag, siedeln sich jetzt immer mehr
Hersteller von Spezialchemikalien an. In der Nachbarschaft der Universitäten
gibt es mehrere Science Parks. Dort arbeiten mittlerweile
Forschungsabteilungen vieler Pharma- und Biotechnologieunternehmen.
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Abbildung 2: Jurong Island (Quelle: Google Earth)
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Diese ständig wachsende chemische und pharmazeutische Industrie
Singapurs braucht gut ausgebildete Mitarbeiter in ausreichender Zahl. Zwar
ermöglicht und fördert die Regierung den Zuzug ausländischer Fachkräfte,
aber der wesentliche Teil - auch an Akademikern – muss natürlich aus dem
eigenen Land kommen. Zum Glück gibt es an den Universitäten – auch bei
den Ingenieur- und Naturwissenschaften – einen großen Andrang an
Studenten.
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Abbildung 3: Prof. Chuah Gaik-Khuan und Prof. Stephan Jaenicke
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Zur Sicherstellung einer qualifizierten und praxisnahen Ausbildung laden
die Universitäten viele Gastprofessoren, vor allem aus Europa und Australien,
ein. Ich hatte im Sommersemester 2008, das dauert in Singapur von Januar
bis Juni, die Möglichkeit, an der NUS zu lehren. Prof. Stephan Jaenicke, der
in Karlsruhe promoviert wurde und das Gebiet Applied Chemistry leitet, und
Prof. Gaik Khuan Chuah, eine Zeolith Expertin, haben mich eingeladen, im
Rahmen des Studienganges Applied Chemistry über Petrochemie und
industrielle organische Chemie vorzutragen (Abbildung 3). Die Mehrzahl
meiner 60 Studenten war im 5. Semester, also etwa 21 Jahre alt. Die
Volksgruppenzugehörigkeit meiner Studenten entsprach etwa dem Schnitt
der Bevölkerung von Singapur. Etwa 30% der Studenten waren Frauen. Die
Studenten der NUS kommen aber zum Teil auch aus anderen Ländern, z.B.
China, Indonesien oder Malaysia. Die Studiengebühren sind gestaffelt:
Bürger von Singapur bezahlen etwa 3100 € pro Jahr, Ausländer 4800 €.
Stipendien werden großzügig vergeben. Außerdem können Studenten für das
Studium staatlich geförderte Darlehen aufnehmen, die erst nach Abschluss
des Studiums verzinst und getilgt werden müssen (Abbildung 4).
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Abbildung 4: Einige Hörer meiner Vorlesung
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Meine Vorlesung hatte jede Woche vier Vorlesungsstunden und eine jeweils
zweistündige Zwischen- und Abschlussprüfung pro Semester. Die Vorlesung
bot mir nicht nur die Möglichkeit, basierend auf meiner langjährigen
industriellen Erfahrung , den Stand der Technik darzulegen, sondern auch
ausführlich alternative Rohstoffe an Stelle von Erdöl, die Verwendung
biologischer Synthesemethoden, Aspekte der Arbeitssicherheit und des
Umweltschutzes und natürlich ganz viel über Katalyse zu diskutieren. Dabei
kam es mir insbesondere darauf an, mit den Studenten die ökonomischen
und die ökologischen Vor – und Nachteile jedes der alternativen Rohstoffe
und zumindest exemplarisch die Effizienz, den Energieaufwand und den
anfallenden Abfall bei Verwendung verschiedener Synthesewege zu Basis –
und Feinchemikalien zu vergleichen. Diese Stoffinhalte habe ich dann auch
abgeprüft und es war eindrucksvoll aus den Antworten der Studenten zu
erkennen, wie sehr sie sich gerade mit diesen Fragen der nachhaltigen
Chemie beschäftigt haben. Die Studenten haben sehr interessiert
mitgemacht, viele Fragen gestellt, fleißig gelernt und am Ende sehr gute
Prüfungsresultate erzielt. Sie waren sich wohl bewusst, dass auch bei der
sehr günstigen Situation am Arbeitsmarkt diejenigen mit den besseren Noten
zumeist auch die interessanteren Stellen bekommen.
Das Department of Chemistry ist im Campus der NUS auf mehrere, moderne
und gut ausgestattete Gebäude verteilt. Die Hörsäle sind sehr gut
ausgestattet, vorgetragen wird mit Beamer. Die Vorlesungsunterlagen
müssen vorab ins Universitätsnetz eingestellt werden. Sie werden von den
Studenten vor den Vorlesungen ausgedruckt, um Notizen eintragen zu
können. Das Lernen und die Prüfungsvorbereitung werden dadurch erheblich
erleichtert. Die Bedingungen für wissenschaftliches Arbeiten entsprechen
denen an europäischen Hochschulen (Abbildung 5).
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Abbildung 5: Prof. Jaenicke's Arbeitsgruppe
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Natürlich wurde ich zu dem Gastsemester eingeladen, um Wissen und
Erfahrung nach Singapur zu bringen. Ich habe dabei aber auch selbst viel
gelernt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass sich ein Land innerhalb von 50
Jahren durch Fleiß, gute Ausbildung der Bevölkerung und Zielstrebigkeit zu
einer wirtschaftlichen Spitzenposition in der Welt entwickeln kann. Die
ziemlich reibungslos und unbürokratisch funktionierende Infrastruktur und der
zwar regulierte, aber dennoch zahlenmäßig erhebliche Zuzug von
Fachkräften aus aller Welt, sind dafür wichtige Voraussetzungen. Singapur
hat ein ganz einfaches Steuersystem. Die Steuern sind niedrig, trotzdem
kommt der Staat seinen Aufgaben sehr gut nach – und das ohne
Budgetdefizit! Schließlich aber sind der Optimismus und die anhaltende
Aufbruchstimmung der Bevölkerung entscheidende Erfolgskriterien. Es ist
schön, in Singapur zu leben und zu arbeiten und das ganz besonders, wenn
man so viele junge Menschen trifft, die Begeisterung für Chemie und
Fortschritt mit einem vitalen Interesse an nachhaltigem Wirtschaften
verbinden (siehe auch Aktuelle Wochenschau Woche 33 und 39).
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Kontakt
Prof. Dr. Herbert Hugl
Gemarkenweg 9
51467 Bergisch Gladbach
Tel.: +49 (0)2202 81411
Mobil: +49(0)1577 2876176
Fax: +49(0)1805 060 335 578 99
huglherbert@yahoo.de
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