„Das bioliq-Konzept zur Biomassevergasung - Grundlage einer Synthesegaschemie aus Biomasse“ |
Nicolaus Dahmen und Eckhard Dinjus
EinleitungDie bisher preiswert gewinnbaren, aber begrenzten fossilen Energievorräte werden durch das unvermeidliche Anwachsen des Energieverbrauchs immer schneller erschöpft: Mit der zu erwartenden Zunahme der Bevölkerung auf 9 Milliarden bis 2050 als auch des Pro-Kopf-Verbrauchs in den heutigen Entwicklungsländern kann eine Verdopplung des weltweiten Primärenergieverbrauchs erwartet werden. Erdöl und Erdgas wird noch in diesem Jahrhundert, die grösseren Kohlevorräte nur wenig später aufgebraucht sein. Langfristig sind daher die Entwicklung und der Aufbau von neuen nachhaltigen Energieversorgungssystemen zum Ersatz der fossilen Brennstoffe unumgänglich. Zur Begrenzung der befürchteten globalen Auswirkungen klimarelevanter Emissionen, die an die Energieerzeugung aus fossilen Rohstoffen gekoppelt sind, ist dies schon kurzfristig wünschenswert. Die unvermeidbare weltweite Umstrukturierung der Energieversorgung ist eine Aufgabe über mehrere Generationen. Nur die reichen Industriestaaten haben das Know-how und die Mittel, um für einen friedlichen und reibungslosen Übergang rechtzeitig Vorsorge zu treffen; sie stehen in der Pflicht, alle erneuerbaren und quasi unerschöpflichen Energiequellen zur technischen Reife zu entwickeln.
Zum gegenwärtigen weltweiten Primärenergieverbrauch von >11 Gtoe (Gigatonnen Öläquivalente) steuert Biomasse insgesamt ca. 1 Gtoe bei; etwa die Hälfte davon als kommerzielles Brennholz (1.9 Mm3/a). In vielen armen Entwicklungsländern ist Biomasse die wichtigste Energiequelle mit einem hohen Raubbau-Risiko. Auch bei einer Verdoppelung des künftigen Primärenergieverbrauchs kann man abschätzen, dass mit intensiver Land- und Forstwirtschaft durch Biomasse ein dauerhafter Energiebeitrag von insgesamt etwa 20% bzw. 3.6 bis 4 Gtoe erreichbar ist, ohne Energieplantagen und Raubbau zu betreiben. Durch entsprechende Zielvorgaben werden eine nachhaltige Entwicklung angestrebt: Die EU strebt bis 2010 beispielsweise eine Verdoppelung des Biomasseanteils am Primärenergieverbrauch von ca. 4 auf 8.5% an.
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Haupteinsatzstoff für die Verfahrensentwicklung ist also trockene Biomasse mit Ausrichtung auf die Nutzung von Restbiomasse und Koppelprodukten der Land- und Forstwirtschaft. Diese enthalten mehr Asche und Heteroatome als etwa rindenfreies Holz und bereiten bei der Verwertung als chemisch-technischer Rohstoff deshalb größere Schwierigkeiten. Der bioliq-Prozess umfasst mehrere Stufen (Abbildung 1):
Auf der Herstellung von Synthesekraftstoffen liegt der Fokus des bioliq-Vorhabens. Die sogenannten BtL-Kraftstoffe, Biokraftstoffe der 2. Generation, sind notwendig, um das Ziel für 2020 zu erreichen, nämlich 17 % des Kraftstoffbedarfs in Deutschland aus nachwachsenden Rohstoffen zu decken. Die mit heimischer Biomasse nur begrenzt verfügbaren Biokraftstoffe der ersten Generation wie Biodiesel und Bioethanol allein reichen dazu nicht aus. Durch den bevorzugten Einsatz von Restbiomasse herrscht dabei keine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. Darüber hinaus weisen BtL-Kraftstoffe das größte CO2-Minderungspotenzial auf. Aus etwa 7 t lufttrockenem Stroh kann 1 t Synthesekraftstoff hergestellt werden. Dabei verbleiben etwa 45 % der ursprünglich in der Biomasse enthaltenen Energie im produzierten Kraftstoff. Zusätzlich werden dabei thermische und elektrische Energie gewonnen, mit denen sich der Energiebedarf des Gesamtprozesses vollständig decken lässt.
Das bioliq-Verfahren wird den logistischen Anforderungen eines räumlich verteilten Biomasse-Aufkommens in der Landwirtschaft gerecht, indem die Schnellpyrolyse und Slurryherstellung in einer größeren Zahl dezentral aufgestellter Anlagen erfolgen kann. Der energiereiche Slurry kann wirtschaftlich über größere Strecken per Bahn zur Weiterverarbeitung transportiert werden. Die technisch komplexe und deswegen nur in effizienten Großanlagen durchführbare Synthesegaserzeugung und nachfolgend die Gaskonditionierung und Synthese erfolgt in einer für die Kraftstoff- oder Chemiesynthese wirtschaftlich sinnvollen Größenordnung.
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Es ist beabsichtigt, im Forschungszentrum Karlsruhe eine komplette Pilotanlage über die bioliq-Prozesskette von der Schnellpyrolyse bis zur Methanolsynthese in drei aufeinander aufbauenden Projekten zu errichten (Abbildung 2). Die Veredlung von Methanol zu Synthesekraftstoff soll in einem weiteren, separaten Vorhaben erfolgen. Das von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe FNR geförderte und in Kooperation mit Lurgi GmbH durchgeführte Vorhaben zur wichtigen ersten Prozessstufe, der Schnellpyrolyse und Slurryherstellung, wurde bereits abgeschlossen. Die Anlage geht derzeit in Betrieb.
Die Pilotanlage dient zur:
Die Wahl von Methanol als Zielprodukt im Rahmen des bioliq-Vorhabens liegt darin begründet, dass es eine wichtige Plattformchemikalie ist, die einerseits zu den derzeitig im Fokus stehenden Synthesekraftstoffen weiter verarbeitet werden kann. Auf der anderen Seite kann es in eine Vielfalt anderer chemischer Grundstoffe umgewandelt werden und das mögliche Produktspektrum so den Markterfordernissen angepasst werden (Abbildung 3). Dies gilt ganz allgemein auch für das als Zwischenprodukt erzeugte Synthesegas. Insofern kann der bioliq-Prozess als Grundlage einer thermochemischen Bioraffinerie gesehen werden, in der alle Restbiomassen, die einer anderen Nutzung nicht sinnvoll zugeführt werden können oder als Reststoffe aus anderen Nutzungspfaden entstanden sind, eingesetzt werden können. Auf diese Weise entstehen ganzheitliche und nachhaltige Nutzungskonzepte, in denen eine große Bandbreite von Biomassen über sinnvoll kombinierte Prozesse mit einer möglichst hohen Wertschöpfung durch Erzeugung von chemischen Stoffen, Wärme und Strom erreicht wird.
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