„Dickmacher im Lack“

Peter Manshausen

Einleitung

Verdickend wirkende Additive beeinflussen entscheidend die Lager- und Verarbeitungseigenschaften flüssiger Systeme [1]. Sie waren schon immer eine wichtige Komponente bei der Formulierung von lösemittelhaltigen Lacken. Bereits bei der Herstellung eines Lackes lässt sich mit ihrer Hilfe der Energieeintrag in die Mahlphase und somit die Dispergierbarkeit optimieren. Gleichzeitig verbessern sie die Lagerstabilität, indem sie Absetzneigung und Synärese reduzieren. Bei der industriellen Applikation entsprechender Systeme sorgen sie für besseren Verlauf und reduzieren deren Ablaufneigung.
Mit der steigenden Nachfrage nach Lösemittel-armen oder gar -freien wässrigen Beschichtungssystemen entstand der Bedarf nach einer neuen Klasse von Verdickern - den modernen Rheologieadditiven. Diese Additive gestatten die gezielte Modifikation der Viskosität eines Lacksystems bei verschiedenen Scherraten [2-5]. Hierdurch werden wichtige Lackeigenschaften wie Ablauf und Verlauf, Glanz, Schichtdicke, Deckvermögen, Spritzneigung, Streich- und Rollwiderstand, Absetzneigung und Pigmentstabilisierung, um nur die wichtigsten Parameter zu nennen, entscheidend geprägt. Dabei genügen in den meisten Fällen bereits kleine Mengen zwischen 0,1 bis 4 % bezogen auf die Formulierung, um die für den jeweiligen Anwendungszweck geeigneten Fließeigenschaften zu realisieren. Darüber hinaus beeinflussen sie aber auch die Eigenschaften einer Beschichtung nach deren Applikation, wie Haftung, Elastizität, Schmutz-, Scheuer und Wasserbeständigkeit oder Korrosionsschutz.

Die richtige Auswahl der für eine spezielle Aufgabe geeigneten Rheologieadditive wird somit immer wichtiger [3,6,7], zumal optimal eingestellte Fließeigenschaften entscheidend zum Erfolg oder Misserfolg wässriger Beschichtungssysteme beitragen. Die große Zahl der unterschiedlichen, kommerziell erhältlichen Produkte macht diese Auswahl nicht gerade leichter. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, zunächst einen kurzen Überblick über die verschiedenen Rheologieadditive zu geben und die Wahl geeigneter Systeme anhand einiger ausgewählter Beispiele zu erleichtern.

Grobe Einteilung der Rheologieadditive

Rheologieadditive können auf Basis ihrer chemischen Struktur grob unterteilt werden in anorganische und organische Verdicker, wobei zusätzlich zwischen Verdickern für lösungsmittelhaltige Systeme und Verdicker für wässrige Systeme unterschieden werden muss (Tab. 1).
Eine bessere Unterteilung, insbesondere der vielfältigen, für wässrige Systeme geeigneten Typen, auf die im folgenden näher eingegangen werden soll, erfolgt auf Basis ihrer Rheologieprofile, d.h. der Viskositätswerte in Abhängigkeit von der jeweiligen Scherrate [8]. Im Gegensatz zu newtonischen Flüssigkeiten, bei denen die Viskosität unabhängig von der eingetragenen Scherrate ist (Beispiele: Wasser Speiseöle etc.), sind Lacke komplizierte Mehrkomponentensysteme mit zumeist pseudoplastischen Eigenschaften, d. h. ihre Viskosität reduziert sich rasch, sobald größere Scherkräfte auf das System einwirken (Beispiel: Joghurt aus dem Becher).

Abbildung 1: Gerüststrukturbildung durch feinteilige Kieselsäure (SiO2-Partikel)
Abb.1 zeigt am Beispiel feinteiliger (pyrogener) Kieselsäure, wie H-Brücken - in den meisten Fällen - für die verdickende Wirkung verantwortlich sind.

Organische Verdicker lassen sich grob in zwei unterschiedliche Gruppen aufteilen [9].
Eine Gruppe bilden die hochmolekularen, nicht assoziativen Verdicker, wie Celluloseether und Polyacrylsäureester. Ihnen komplementär sind die assoziativen Verdicker wie PU-Verdicker (HEUR, Hydrophobically modified Ethylenoxide Urethane Rheology modifier), hydrophob modifizierte Acrylatverdicker ("HASE", Hydrophobically modified Alkali Swellable Emulsion) und hydrophob modifizierte Celluloseether ("HMHEC" Hydrophobically Modified Hydroxy Ethyl Cellulose) (Tab. 2).

Gelöste, nichtassoziative Rheologieadditive wirken verdickend, indem sie durch Wechselwirkung mit der wässrigen Phase eine dreidimensionale Struktur ausbilden. Die Wechselwirkungen mit anderen Bestandteilen des Lacksystems sind zu vernachlässigen. Sie sind insbesondere bei niedrigen (von ca. 0.001 bis 1 sek-1) und mittleren Scherraten (von ca. 1 bis 1000 sek-1) hoch effektiv, wohingegen sie bei hohen Scherraten praktisch nicht mehr wirken. Die wichtigsten Vor- und Nachteile der beiden gängigsten nichtassoziativen Verdicker sind in Tab. 3 wiedergegeben.

StärkenSchwächen

    Celluloseether

  • Extrem gute "low-shear" Stabilisierung
  • Unempfindlich gegen pH-Wert, Cosolventien und Emulgatoren
  • Erzeugt Wasserretention
  • Hochwirksam
  • Kein Einfluss auf die "high-shear" Viskosität
  • Empfindlich gegenüber enzymatisch induziertem Abbau
  • Negativer Einfluss auf die Wasserbeständigkeit

    Acrylatverdicker

  • Gute "low-shear" Verdickung
  • Unempfindlich gegenüber Cosolventien und Emulgatoren
  • Biostabil
  • Billig
  • Kein Einfluss auf die "high-shear" Viskosität
  • Empfindlich gegen Schwankungen im pH-Wert
  • Keine Wasserretention
  • Benötigt Basen (Ammoniak, Amine ...) zur Neutralisation
  • Negativer Einfluss auf die Wasserbeständigkeit
Tabelle 3: Stärken und Schwächen von nichtassoziativen Verdickern

Im Gegensatz zu der vorgenannten Gruppe bilden die assoziativen Verdicker nur schwache Wechselwirkungen mit der wässrigen Phase aus. Sie haben eine amphiphile Struktur aus einem hydrophilen Basispolymer, das mit definierten Mengen an hydrophoben Segmenten verknüpft ist. Im Falle der PU-Verdicker sind es beispielsweise Polyetherpolyole, die über ein Diisocyanat mit einem langkettigen Alkohol umgesetzt wurden. Ähnliche Strukturen weisen auch die anderen, über andere Synthesewege hergestellten Assoziativverdicker auf.

StärkenSchwächen

    PU-Thickeners

  • Sehr gute "high-shear" Wirksamkeit
  • Unempfindlich gegen pH-Schwankungen
  • Keinen Einfluss auf die Wasserbeständigkeit
  • UV-stabil (bei aliphatischen Typen)
  • Moderate "low-shear" Stabilisierung
  • Empfindlich gegen Lackinhaltsstoffe wie
  • Cosolventien und Emulgatoren

    Hydrophob modifizierte Acrylate

  • Sehr gute "low-shear", moderate "high-shear" Wirksamkeit
  • Biostabil
  • Relativ preiswert
  • Empfindlich gegenüber pH-Schwankungen
  • Keine Wasserretention
  • Benötigt Basen zur Neutralisation
  • Negative Beeinflussung der Wasserbeständigkeit

    Hydrophobe modifizierte Celluloseether

  • Gute "low-shear", moderate "high-shear" Wirksamkeit
  • Unempfindlich gegen pH-Schwankungen
  • Erzeugt Wasserretention
  • Sehr effizient
  • Empfindlich gegenüber enzymatisch induziertem Abbau
  • relativ teuer
Tabelle 4: Stärken und Schwächen unterschiedlicher Assoziativverdicker

Aufgrund der unterschiedlichen Verdickungswirkung lassen sich die Rheologiekurven der assoziativen Verdicker nur schlecht mit denen der nichtassoziativen Verdicker vergleichen. Die grobe Gegenüberstellung der entsprechenden Rheologieprofile in Abb. 2 verdeutlicht aber die Stärken und Schwächen der verschiedenen Verdickertypen.

Abbildung 2: Rheologisches Profil von assoziativen und nichtassoziativen Verdickern

Den genannten Scherbereichen kommen unterschiedliche Bedeutungen im Lack zu (Abb. 3). Werden im niedrigen Scherbereich Eigenschaften wie Pigmentstabilisierung, Synärese, Antiabsetzneigung und Verlauf nachhaltig beeinflusst, so ist der mittlere Scherbereich bedeutsam für Eigenschaften wie die Lackkonsistenz, Misch- und Pumpbarkeit. Hohe Viskositäten auch unter großer Scherung sind verantwortlich für Filmaufbau, Deckkraft, Spritzneigung, Streich- und Rollwiderstand [1].

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen Viskosität, Scherrate und Lackeigenschaften

Wichtige Faktoren für die Wahl eines geeigneten Rheologieadditivs

Bei der Auswahl eines oder mehrerer geeigneter Rheologieadditive für eine Formulierung müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Hier spielen zunächst einmal die Art des Lacksystems und die Applikation eine wichtige Rolle. Malerlacke für Fensterrahmen und Türen oder Dispersionsfarben, die einfach zu streichen oder zu rollen sein müssen, stellen natürlich andere Ansprüche an die Rheologie, als Industrielacke, die gespritzt, gewalzt, gegossen oder im Tauch/Flutbecken appliziert werden. Da Rheologieadditive darüber hinaus auch Lackeigenschaften wie Glanz, Wasserfestigkeit, Witterungs- und Waschbeständigkeit sowie Korrosionsbeständigkeit beeinflussen können, ist auch der geplante Einsatzzweck und die hieraus resultierenden Anforderungen an die Farbe oder den Lack von besonderer Bedeutung für die richtige Wahl eines geeigneten Rheologieadditivs.

Abbildung 4: Rheologieprofile einer Dispersionsfarbe mit gleichen PU-Verdickern aber unterschiedlichen Bindemittelkonzentrationen

Gilt es dagegen Emulsionen (z.B. Epoxy- oder Alkydharzemulsionen) zu verdicken, wird die Wahl etwas eingeschränkter. Hier scheiden assoziativ wirkende Additive häufig aus, da sie die Emulsion lediglich durch wenig effektive Eigenassoziation verdicken. Als Alternative kommen in derartigen Fällen hochpolymere Additive wie Celluloseether oder Acrylatverdicker in Frage.

Zusammenfassung

Die Vielzahl an möglichen Entscheidungskriterien für oder gegen eine bestimmte Art von Rheologieadditiv lässt sich im Rahmen eines Vortrags nur allgemein darstellen. Eine wirkliche Optimierung der Rheologie an das Aufgabenprofil einer Beschichtung kann nur durch praktische Arbeit mit den entsprechenden Systemen erfolgen. Hierbei kann eine kompetente Beratung viel Zeit und Kosten einsparen.


Manshausen, Dr. Peter
Caldic Deutschland Chemie B.V.
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