Thomas Brock
Die Lackchemie will sich ja 2007 bewerben - um Ihr Interesse, um die Möglichkeit, einen Blick hinter die bunte
Oberfläche zu bieten. Aber zu einer Bewerbung gehört ein kurzer Werdegang. Und dieser steckt im Titel dieser
Woche: Von der Definition, Auswahl und dem Einsatz der chemischen Rohstoffe über Vernetzungsreaktionen,
Dispergier- und Applikationstechniken sowie spezielle Mess- und Prüfmethoden bis hin zur fertigen Lackierung und
deren Eigenschaften.
Am Beispiel der Automobillackierung soll dieser Lebenslauf beschrieben werden, exemplarisch für viele andere
Anwendungen, aber auch, weil die Autolackierung Trendsetter und Entwicklungsmotor Nr. 1 ist: Mit extremen
Anforderungen und immer neue Zielen und chemisch-technischen Innovationen.
Dieser Beitrag soll auch den faszinierend interdisziplinären Charakter unseres Themas deutlich machen: Neben
Chemie und technischer Chemie stecken in der Lacktechnologie auch viel Verfahrens- und Anwendungstechnik, Physik
und Prozesssteuerung. Die hier jeweils nur kurz vorgestellten oder definierten Begriffe werden im Laufe des
Jahres die Themen vieler detaillierter Beiträge sein.
Was ist ein Lack ?
In der etwas trockenen Sprache der Normen gibt es
| flüssige, | pastöse oder | pulverförmige Beschichtungsstoffe |
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| z.B. flüssige Spritz-, Tauch-, Malerlacke, Wandfarben | z.B. Druckfarben, Spachtel, Künstlerfarben | Pulverlacke |
und diese ergeben nach der Applikation eine dekorative, schützende (etc.) Beschichtung.
Dabei ist Lack ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von auf organischen Bindemitteln basierenden
Beschichtungsstoffen. Zu den Bestandteilen siehe auch weiter unten. Aufgrund der vielfältigen Rezeptierungen
ergeben sich transparente oder farbige Beschichtungsstoffe mit Eigenschaften, die auf verschiedenste
Anforderungen und Anwendungsgebiete zugeschnitten sind.
Lacke werden unterschiedlich eingeteilt und bezeichnet: Nach dem Bindemittel (zum Beispiel Alkydharzlack), nach
dem Löse- oder Verdünnungsmittel (zum Beispiel Wasserlack), nach der Beschaffenheit (zum Beispiel
Zweikomponenten-Reaktionslack), nach dem Glanzgrad (zum Beispiel Hochglanzlack), nach der Optik (zum Beispiel
Effektlack), nach der Anwendung (zum Beispiel Vorlack), nach dem Verwendungsbereich (zum Beispiel Holzlack),
nach der Art des zu beschichtenden Objekts (zum Beispiel Bootslack). Dabei haben Lacke stets eine geschlossene,
mehr oder weniger glänzende Oberfläche.
Farbe dagegen ist im wissenschaftlichen Sprachgebrauch der durch das Auge vermittelte Sinneseindruck,
hervorgerufen durch selektive Lichtabsorption und zusätzlich durch Lichtstreuung. Umgangssprachlich werden auch
pigmentierte, nichtglänzende Beschichtungsstoffe als Farben bezeichnet, z.b. Bautenfarben wie Wandfarben und
Dispersionsfarben, Druckfarben, Künstlerfarben etc.
Diese und weitere Kurzbeschreibungen finden Sie auch z.b. in Glossaren wie:
Was ist enthalten ?
Vor allem viel unterschiedlichste Chemie bzw. chemische Produkte als Lackrohstoffe. Unter den Gesichtspunkten
Herstellungsverfahren, spezielle Analytik und Prüftechnik auch viel Physik, physikalische Chemie und
Prozesstechnik, hierzu aber später.
Die stofflich-chemische Basis lässt sich in vier Gruppen einteilen:
- Bindemittel (auch Filmbildner genannt)
- Pigmente und Füllstoffe
- Lösemittel (auch Wasser)
- Additive (Hilfsstoffe)
Nicht in jedem Lack sind sie alle enthalten. Ein Pulver-Klarlack, farblos und transparent, enthält z.b. keine Pigmente und keine Lösemittel, s. Tabelle 1.
| Lack | Filmbildner | Pigmente und Füllstoffe | Lösemittel | Additive |
| flüchtig | nicht flüchtig |
Pigmentierter Lack, lösemittelhaltig | + | + | + | + | + |
Pulverlack, pigmentiert | + | + | | | + |
Klarlack, lösemittelhaltig | + | | + | + | + |
| Pulverklarlack | + | | | | + |
| Tabelle 1: Zusammensetzungen einiger Lackbeispiele |
Nun zu den genannten Komponenten im Einzelnen:
Bindemittel auf Basis von Polymeren oder Vorprodukten bewirken, dass beim Trocknen und Härten des Lackes ein
zusammenhängender Film entsteht. Dabei spielen physikalische wie chemische Vorgänge eine Rolle. Die Abb. zeigt die chemische Vernetzung in einem Zweikomponenten-(Polyol+Polyisocyanat)-Lack, die nach dem Mischen und dem Auftrag als Härtungsreaktion abläuft.
Weitere viel genutzte Härtungsreaktionen sind Polykondensationen und Polymerisationen. Bindemittel haben jedoch keine oder nur eine geringe Eigenfarbe. Möchte man einen farbigen Anstrich, muss man dem Bindemittel Farbmittel - meist Pigmente - zusetzen.
Organische Lacklösemittel wie z.b. Ester, Glykolether oder aliphatische Kohlenwasserstoffe, häufig auch Verdünner genannt, haben die Funktion, die Lackviskosität so zu erniedrigen, dass eine einwandfreie Verarbeitung durch Streichen, Spritzen, Tauchen oder Walzen möglich ist und die Bildung eines glatten, glänzenden Lackfilms unterstützt wird. Bei der Trocknung und Aushärtung verdunsten oder verdampfen sie. Verdünnungen sind meist Gemische unterschiedlicher organischer Lösemittel.Lösemittel werden heute mehr und mehr durch Wasser ersetzt; die Bindemittel sind dann aber meist nicht mehr gelöst, sondern liegen in Form von Dispersionen vor, genauer gesagt meist als Emulsionen, wie Fett in unserer Milch. Pulverlacke enthalten natürlich keine Lösemittel oder Wasser mehr.
Die Farbigkeit von Lacken und auch die Metallic- oder Perlmutteffekte werden durch Farbmittel erreicht. Bei Lacken sind dies vorwiegend Pigmente, d.h. unlösliche Farbkörper. Lösliche Farbstoffe werden nur selten eingesetzt, da sie weniger beständig sind, die Lackierung z.b. ausbleicht. Pigmentierte Lacke decken die Farbe des Untergrundes völlig ab. Ihre Wirkung in der Lackschicht erzielen die Pigmente als fein verteilte, sehr kleine Partikel in der Größenordnung von 0,01 bis 1 µm. Die Abb. zeigt einige natürliche anorganische Pigmente; wegen oft unzureichender farbgebender Eigenschaften oder gesundheitlicher Bedenklichkeit wurden sie teilweise durch synthetische anorganische oder organische Pigmente ersetzt.
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Abbildung 2: Pigmentstoffe
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Füllstoffe sind meist mineralisch (Silikate, Oxide, Sulfate, Carbonate etc.) und ebenfalls in Lösemitteln und Bindemitteln praktisch unlöslich. Sie leisten aber keinen Beitrag zu Farbe oder Deckvermögen, zeigen also keine selektive Lichtabsorption oder nennenswertes Streuvermögen (die Brechzahl liegt im allgemeinen unter 1,7).
Additive sind - chemisch sehr unterschiedliche - Hilfsstoffe, die dem Lack üblicherweise nur in kleinen Mengen zugefügt werden. Sie steuern eine Vielzahl von Eigenschaften wie Fließverhalten, Glanz, Wetterbeständigkeit, Oberflächenspannung und andere.
Nach der Chemie nun zur Geräte- und Verfahrenstechnik: Hightech kommt zum Einsatz beim Herstellen (Mischen, Dispergieren), Messen und Prüfen und bei der automatisierten Prozesstechnik für die Applikation und Vernetzung.
Wie stellt man Lacke her ?
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Abbildung 4: Rote Pfeile: Lackfluss
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Nach der Entwicklung bzw. Auswahl der Komponenten stellt vor allem die nahezu homogene und kolloidal stabile Verteilung der sehr feinen Pigmentpartikel eine extreme Anforderung dar. Hightech-Dispergiergeräte (vor allem "Perlmühlen") zerteilen Feststoffagglomerate, chemisch unterstützt durch benetzende Polymere und andere Additive und mechanisch unterstützt durch Millionen winziger keramischer Kügelchen, die kaum ein größeres Teilchen entkommen lassen.
Besonders schwierig wird es bei der Dispergierung von Nanopartikeln (also im Nanometerbereich): Vergleichbar
etwa mit dem Bemühen, umherfliegende Nüsse mit einem Hammer zu treffen...
Lacke sind im Prinzip Halbfabrikate, oft reaktiv und erst nach Applikation und chemischer Vernetzung zum
Endprodukt Lackierung aushärtend. Daher gelten bei der Herstellung und bei der Verarbeitung viele
Handhabungsvorschriften vom Feuchtigkeits- oder Sauerstoffausschluss bis hin zum persönlichen Arbeitsschutz und
zur Reduzierung von Lösemittelemissionen.
Wie prüft man Lacke ?
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Abbildung 5: Koordinatensystem zur Farbcharakterisierung
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Die bekannten chemischen und physikalischen Untersuchungstechniken werden hier ergänzt durch zahlreiche, teilweise sehr anwendungsbezogene Geräte und Methoden, meist in Normen genau beschrieben. Einige wenige Beispiele für unzählige Lackeigenschaften seien hier genannt.
Vergleichsweise bekannt kommen uns noch solche vor wie
- Viskosität (Fließverhalten) oder
- Oberflächenspannung.
Inzwischen kann man aber auch solche wichtigen Größen wie
- Glanz und Farbe oder
- Welligkeit, aber auch
- Haftfestigkeit gegen Abblättern oder
- Korrosionsschutz
sehr gut messtechnisch charakterisieren.
Wie kommt der Lack aufs Werkstück ?
Jeder kennt Pinsel und Rolle, für Handwerk und Heimwerker unersetzlich. Wenn besondere Qualität und großer Durchsatz gefragt sind sowie alle lackierten Teile gleich aussehen sollen (Reproduzierbarkeit!), brauchen wir andere, moderne Applikationsverfahren und ausgetüftelte Lackierprozesse und -anlagen. Die hochautomatisierte Automobilserienlackierung gehört zu den komplexesten und aufwändigsten Produktionsprozessen überhaupt.
Eine der nächsten Folgen wird einen Überblick über die Lackierverfahren bringen. Zu nennen sind hier vor allem
- Spritzverfahren mit Hochdruckspritzpistolen,
- Versprühen mit schnell rotierenden Glocken im elektrischen Feld,
- Elektrostatisches Pulversprühen,
- Tauchen, Elektrotauchen, Gießen, Walzen, Drucken und weitere.
Je nach Lackierobjekt, Stückzahl, Lackmaterial etc. eine Vielzahl von Verfahren, die immer auf die Anwendung zuzuschneiden sind. Die Entwicklung ist bei weitem noch nicht abgeschlossen: Verminderungen von Lackverlusten und Lösemittelemissionen, weniger Abwasserbelastung und Kostendruck sind nur einige der treibenden Kräfte.
Welche Trends gibt es (hinsichtlich Technik und Ökologie) ?
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Abbildung 6: "Interferenz-Pigmente nach dem Vorbild des Schmetterlingsflügels"
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Etwa 80 % aller Chemiker, Ingenieure, Laboranten etc., die in der Lack- und Rohstoffchemie forschen und entwickeln, haben nicht etwa neue, immer buntere oder "bessere" Lacke als Ziel. Diese Richtungen gibt es natürlich auch. Die Mehrheit arbeitet vielmehr daran, die traditionell lösemittelreichen oder energieträchtigen, ressourcenschluckenden Lacke durch moderne, ressourcenschonende Lacke zu ersetzen. Und oft ist es schwierig genug, das Eigenschaftsniveau der konventionellen Lacke zu erhalten. Zum Glück konnten in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht werden, wie die Beiträge dieses Jahres auch zeigen werden.
Die nachfolgende Auflistung der wesentlichen Trends soll schon einmal Appetit machen:
- Weitere Lösemittelreduzierung bzw. Verzicht auf Lösemittel
- Erhöhung des Auftragswirkungsgrades (weniger Verluste bei der Verarbeitung, z.b. durch "Overspray", d.h. durch Lacknebel, die verloren gehen)
- Weiter Reduzierung des Verbrauchs von Energie, Wasser, Rohstoffen und anderen Ressourcen
- Eliminierung von als schädlich erkannten Inhaltstoffen (Beispiele aus der Vergangenheit: Kadmium- oder bleihaltige Pigmente, aromatische Kohlenwasserstoffe etc.)
- Aber natürlich auch optische und technologische Verbesserungen hins. Kratzfestigkeit, UV-Stabilität, neuer optischer Effekte, neuer Funktionen dank Nanotechnologie etc.
Wir hoffen, Ihr Interesse geweckt zu haben - schauen Sie hin und wieder rein!
Prof. Dr. Thomas Brock
Hochschule Niederrhein - University of Applied Sciences
Fachbereich Chemie - Lacktechnologie
Adlerstrasse 32
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E-Mail: thomas.brock@hs-niederrhein.de
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