„Elektrotauchlackierung - was ist das eigentlich?“

Karl-Heinz Grosse-Brinkhaus

Im täglichen Leben kommt man sehr häufig mit ETL-beschichteten Gegenständen in Kontakt - ohne dass es die Meisten wissen. Vom Automobil über Heizkörper und Computergehäuse bis zu jeder Art von Haushaltsgeräten, die Einsatzbereiche für ETL-Produkte sind vielfältig (Abb.1)
ETL ist die Abkürzung für Elektrotauchlackierung und bezeichnet ein modernes, hocheffektives Lackierverfahren zur organischen Beschichtung besonders von komplex geformten Metallteilen mittels elektrischen Gleichstroms.
Bei der Grundierung oder einschichtigen Endlackierung einer Vielzahl von Massengütern bedeutet die Einführung der ETL das "Ende" für Pinsel oder Spritzpistole. Ein großer Vorteil, wenn man an Effizienzsteigerung und Umweltverträglichkeit denkt.

Abbildung 1: Einfahren einer Automobilkarosse in ein Elektrotauchlackbecken

Die Geschichte der Elektrotauchlackierung

Die Elektrotauchlackierung (ETL) trat in den 60er Jahren ins Rampenlicht der modernen Industriegeschichte, als in den Vereinigten Staaten bei der Ford Motor Company anodisch abscheidbare Lacksysteme zum Einsatz kamen. Die erste Tauchanlage zur "elektrophoretischen" Lackierung von Automobilkarosserien wurde 1963 in Betrieb genommen; kurze Zeit später übernahm man das neue Verfahren auch in Europa.
Der Begriff "Elektrophorese" wird allerdings heute nicht mehr benutzt, denn man weiß, dass beim Abscheidemechanismus die Elektrolyse von Wasser und die nachfolgenden Neutralisationen eine wichtigere Rolle spielen als die Bewegung der Polymerteilchen im elektrischen Feld.

Mitte der 70er Jahre wurden die anodisch abscheidbaren Elektrotauchlacke (ATL) durch kathodisch abscheidbare Systeme (KTL) abgelöst. Inzwischen hat sich das KTL-Verfahren im Automobilbereich durchgesetzt und auch in der Automobilzulieferindustrie das anodische Tauchverfahren fast vollständig verdrängt.

Warum Elektrotauchlackierung? - kathodisch und anodisch

Gegenüber konventionellen Spritzverfahren bietet die Elektrotauchlackierung die folgenden wesentlichen Vorteile:

Von anodischer Tauchlackierung spricht man, wenn der Lackfilm auf der Anode abgeschieden wird, das zu lackierende Werkstück also am positiven Pol des Gleichrichters angeschlossen ist. Die Bindemittelbestandteile des Lacks haben anionischen Charakter, d.h. sie sind negativ geladen.

Bei der kathodischen Tauchlackierung ist das Werkstück die Kathode, also negativ geladen. Die Bindemittelpartikel müssen positiv geladen, also Kationen sein.
Wegen des unterschiedlichen Abscheidemechanismus und der dafür erforderlichen unterschiedlichen Bindemittel sind auch die Eigenschaften der kathodisch und anodisch abgeschiedenen Lackfilme verschieden:

Aus diesen grundsätzlichen Unterschieden leitet sich auch die bevorzugte Nutzung der KTL im Automobilserien- und Zulieferbereich ab. KTL ist überall dort einzusetzen, wo exzellenter Korrosionsschutz gefragt ist. Wegen der hohen Applikationsspannung ist das Umgriffsverhalten deutlich besser. Somit können auch schlecht zugängliche Flächen und Hohlräume geschützt werden.

Lackkomponenten und Zusammensetzung

Ein ETL-Bad besteht zu ungefähr 80 % aus Wasser. Der Rest sind Bindemittel, Pigmente, ein geringer Anteil organischer Lösemittel und Additive.
Für die Praxis der kathodische Tauchlackierung sind Bindemittel basierend auf aminmodifizierten Epoxidharzen sehr bedeutend. Diese ergeben den besten Korrosionsschutz und zeichnen sich durch gute Haftung zu Metallen aus. Sie werden heute in nahezu allen Karosserieanlagen eingesetzt. Diese Harze werden durch Umsetzung freier Epoxidfunktionalitäten der modifizerten Epoxidharze mit Aminen erhalten. Durch anschließende Neutralisation dieser Aminogruppen mit Säuren, üblicherweise organischen Säuren oder Sulfonsäuren, lassen sich diese Harze in eine wäßrige Dispersion überführen. Neben dem Bindemittelharz enthalten diese Dispersionen in der Regel auch Vernetzer auf Urethan-Basis.

Prozessschritte der Elektrotauchlackierung

Die Elektrotauchlackierung, hier am Beispiel der KTL, stellt sich als eine Abfolge elektrochemischer Einzelschritte dar (Abb.2):

Abbildung 2: Prozessabfolge am Beispiel der KTL-Beschichtung

Umgriff

Eine der wichtigsten Eigenschaften von Elektrotauchlacken ist die Möglichkeit zur Beschichtung schwer zugänglicher Teile. So werden zum Beispiel bei einer Autokarosserie alle Hohlräume, wie Türschweller und Dachholme mitbeschichtet. Dadurch kann auch von innen ein guter Korrosionsschutz gewährleistet werden.

Wie funktioniert der Umgriff?
Beim Anlegen einer Gleichspannung zwischen Elektrode und Werkstück sucht sich der Strom zunächst einmal den Weg des geringsten Widerstandes. Das bedeutet, dass erst diejenigen Teile beschichtet werden, die der Elektrode am nächsten sind: die Außenfläche.
Dadurch wächst der elektrische Widerstand an der Außenfläche an, so dass der Strom nun auch einen längeren Weg zurücklegen kann. Auf diese Weise werden entferntere Teile ebenfalls beschichtet. Ein Vorgang, der sich permanent fortsetzt. Erst wenn der elektrische Widerstand zu hoch wird und die für die Beschichtung notwendige Mindest-Stromdichte nicht mehr errreicht werden kann, endet die Beschichtung. Für derartige Fälle müssen die Werkstücke konstruktionsseitig so gefertigt sein, dass das elektrische Feld in die Hohlräume (Löcher, Spalten o.ä.) ausreichend eindringen kann. Abb. 3 zeigt die Dynamik des Beschichtungsvorgangs in Einzelsequenzen vom Beginn bis zum Ende einer Hohlkörperbeschichtung.

Abbildung 3: Dynamik der Hohlkörperbeschichtung

Anlagentechnik für die Elektrotauchlackierung

Das zunächst Auffälligste an einer ETL-Anlage ist das Becken mit dem Lackmaterial und das Fördersystem, das die zu lackierenden Werkstücke durch das Becken führt. Des weiteren gibt es eine Vielzahl von Nebenaggregaten:

In der Spülzone wird der anhaftende flüssige Lack mit Ultrafiltrat von den Teilen abgewaschen und im Kaskadensystem dem Lackbecken wieder zugeführt.
Nach der Spülzone gelangen die tropfnassen Teile in den Ofen, wo der Lackfilm getrocknet und vernetzt wird.
Abb. 4 zeigt das Fließschema der ETL-Anlage mit den üblichen Nebenaggregaten und Kreisläufen sowie einer Spritz-/Tauch-Spülzone mit abschließender VE-Wasserspülung.

Abbildung 4: ETL-Anlagenschema

Ökoeffizienz als Innovationstreiber für die weitere Entwicklung der Elektrotauchlacke

Ziel der stetig weiter betriebenen Entwicklung ist die:

bei gleichbleibendem oder gar verbessertem Korrosionsschutz.


Karl-Heinz Grosse-Brinkhaus
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