Jürgen Heinze
Existieren organische Materialien, die metallische oder metallähnliche Eigenschaften aufweisen und den Strom leiten? Dieses Problem beschäftigte Wissenschaftler aus den Bereichen der Chemie, Physik und Werkstoffwissenschaften über viele Jahre, ohne dass sich hierfür eine überzeugende Lösung abzeichnete.
Im Jahre 1977 konnten die amerikanischen Wissenschaftler Heeger und Mac Diarmid und ihr japanischer Kollege Shirakawa zeigen, dass in dem Kunststoff Polyacetylen bei der Einwirkung von Jod die Leitfähigkeit um über 12 Größenordnung zunahm, wobei gleichzeitig das zunächst weitgehend farblose Festkörpermaterial einen kupferfarbenen Glanz annahm [1]. In den nächsten Jahren wurden zahlreiche neue Systeme entdeckt, die ähnliche Eigenschaften wie Polyacetylen besaßen und deren Herstellung und Charakterisierung neben der Chemie und Physik vor allem den Materialwissenschaften nachhaltige Impulse verlieh. Die drei Forscher wurden für ihre Bahn brechende Entdeckung im Jahre 2000 mit dem Nobelpreis in Chemie geehrt.
Die ungewöhnlich hohen elektrischen Leitfähigkeitswerte, die man nach der Dotierung (siehe unten) solcher Materialien beobachtet, haben der ganzen Gruppe den Namen leitende Polymere eingetragen. In der Regel bestehen leitende Polymere aus kettenförmigen Molekülsträngen, wobei die Basiselemente solcher Stränge, meist ringförmige p-Elektroneneinheiten wie z. B. Benzol, Thiophen oder Pyrrol sind (Abb. 1). Aus der gegenseitigen Verknüpfung solcher Strukturelemente resultiert eine konjugierte Kette, deren besondere Eigenschaften eine starke intramolekulare p-Elektronenwechselwirkung ist. Die Kettenlängen umfassen 30 bis 50 dieser Ringeinheiten.[2] Leitende Polymere können auf unterschiedlichen Wegen synthetisiert werden. Ein wichtiges Verfahren ist die Elektropolymerisation (siehe unten). Hierbei entstehen meist stark gefärbte kupferglänzende bis schwarze Filme, aber zuweilen auch Pulver. Die Materialien sind nicht schmelzbar und lassen sich daher nicht mit den üblichen Verfahren der Polymerchemie verarbeiten.
| Abbildung 1: Basisbaueinheiten für leitende Polymere. Durch die gegenseitige bindende Verknüpfung der Monomeren entstehen Ketten mit Längen zwischen 30 - 50 Einheiten. (Magentafarbig unterlegte Moleküle besonders wichtige System in Forschung und Anwendung) |
Wie bereits erwähnt, werden die leitenden Polymeren erst durch die Dotierung leitfähig. Dieser Begriff ist aus der Halbleitertechnologie für anorganische Materialien entlehnt, hat aber bei organischen Systemen eine prinzipiell andere Bedeutung. Dotierung heißt hier, dass den Molekülketten Ladungen in Form von Elektronen entzogen oder zugefügt werden. Der Elektrochemiker spricht von Oxidation oder Reduktion.
In den allermeisten Fällen, die bislang untersucht wurden, hat man die Polymeren oxidiert. Die Molekülketten verlieren dabei Elektronen und werden positiv aufgeladen. Um dies zu erreichen, wird der Polymerfilm, der auf eine Metallelektrode aufgebracht ist, in eine Elektrolytlösung eingetaucht und mit einer zweiten Elektrode unter Einsatz einer Spannungsquelle in Form einer elektrochemischen Zelle geschaltet. Wenn das Polymer Elektronen abgibt, also oxidiert wird, lädt sich das Polymer positiv auf, da negative Ladungen in Form von Elektronen aus dem Polymer entfernt werden. [3]
Zur Beschreibung der Aufladung im Polymer wurden von den Wissenschaftlern verschiedene Modelle entwickelt, ein sehr weit verbreitetes ist das so genannte Bipolaron-Modell. Dies geht davon aus, dass aus jeweils einer Polymerkette sukzessive durch die Elektrolyse ein Elektron und dann ein zweites Elektron entfernt werden. Diese zweifach geladene Kette ist auf Grund von lokalen Einebnungsprozessen besonders stabil, man spricht von einem Bipolaron-Zustand. Im Prinzip sollen sich nach theoretischer Auffassung in Abhängigkeit von der Beladungshöhe mehrere Bipolaronen auf einer Kette bilden, wobei die Länge eines Bipolaron-Zustandes sich etwa über 4 bis 7 Monomereinheiten erstreckt (Abb. 2) [4].
| Abbildung 2: Bipolaron-Modell. Durch die Beladung der Kette bildet sich ein Bipolaron-Zustand, der durch die geometrische Einebnung der Kette lokal stabilisiert wird. Hierbei wird angenommen, dass ein Bipolaron-Zustand thermodynamisch stabiler ist als zwei Polaronen. |
| Abbildung 3: CyclischesVoltammogramm der Auf- und Entladung eines substituierten Thiophen-Polymers. |
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Ein wichtiges Detail des Ladungsvorganges ist, dass immer das Prinzip der Elektroneutralität erfüllt sein muss. Dies bedeutet, dass mit der positiven Aufladung eines Polymers Gegenionen in das Polymer einwandern, bzw. Coionen auswandern (Abb. 4). Dies führt u. a. dazu, dass das Polymer bei der Aufladung quillt, sich aber bei Entladung wieder zusammenzieht. Ein weiteres wichtiges Detail der Beladung ist, dass zusätzlich zur Oxidation auch chemische Prozesse stattfinden und zwar in der Form, dass zwischen den Ketten sich echte kovalente Bindungen ausbilden, die nach der Entladung aber wieder zerfallen. [5]
Leitfähigkeit und optische EigenschaftenDurch die Aufladung der konjugierten Polymeren, die elektrochemisch, aber auch mittels chemischer Oxidation erfolgen kann, werden die zunächst isolierenden Materialien leitfähig [2]. Mit zunehmender Beladung erreicht die Leitfähigkeit einen Plateauwert und wird damit unabhängig von der Beladungshöhe (Abb. 5). Die erreichbaren Leitfähigkeiten liegen in der Regel zwischen 10 S/cm bis 10-3 S/cm, können aber auch bei sorgfältiger Präparation Werte deutlich über 103 S/cm erreichen und nähern sich damit den Werten von Metallen an. Entgegen theoretischen Vorhersagen sind diese Leitfähigkeiten nicht mit der metallischen Leitfähigkeit vergleichbar, da sie mit abnehmender Temperatur absinken und somit Halbleitereigenschaften zeigen. Ursprünglich glaubte man, dass der Ladungstransport entlang der Ketten erfolgt und dass Materialien mit langen Ketten besonders hohe Leitfähigkeiten aufweisen.
| Material | Leitf. in S/cm |
|---|---|
| Kupfer | 6.45 * 105 |
| Eisen | 9.9 * 104 |
| Gold | 4.8 * 105 |
| Polyacetylen, dotiert | bis 105 |
| Polythiophen, dotiert | 2 - 100 |
| Polypyrrol, dotiert | bis 1000 |
| Graphit | 1* 103 |
| Silizium | 2.5 * 10-6 |
| Nylon | 10-14 |
| Diamant | bis 3* 10-14 |
| Tabelle1 : elektrische Leitfähigkeiten von Festkörpermaterialien | |
| Abbildung 5: Leitfähigkeitsänderung eines Polythiophenderivates während der Dotierung. |
Parallel zur Zunahme der Leitfähigkeit bei der Beladung ändern sich die optischen Eigenschaften von konjugierten Polymeren. Charakteristisch ist, dass die ursprünglichen Absorptionsbanden im Bereich des sichtbaren Lichtes verschwinden und neue längerwellige Banden auftreten (Abb. 6), die anzeigen, dass die erforderliche Energie für die Anregung des Elektronenzustandes kleiner geworden ist. Alle theoretischen Modelle bestätigen diese Veränderung der optischen Absorption bei der Beladung. Aus der Sicht der Anwendung ist interessant, dass auf Grund der Verschiebung der Absorption in den langwelligen Bereich je nach Struktur des eingesetzten Systems ein nahezu transparentes Material mit hoher Leitfähigkeit entstehen kann. So lassen sich mit leitfähigen Polymeren antistatische leitfähige Folien erzeugen, die entgegen den bisherigen technischen Möglichkeiten ihre Transparenz weitgehend behalten.
| Abbildung 6: UV/Vis-Spektren eines Polythiophen-Derivates während der Beladung und Entladung. |
Eine besonders interessante und auch wichtige Anwendung der Elektrochemie auf dem Gebiet der leitfähigen
Polymeren ist die Tatsache, dass sich diese Materialien durch Elektrolyse herstellen lassen. Hierzu werden
monomere Ausgangsmoleküle HMH (z. B. Pyrrol) an einer Elektrode in einer elektrochemischen Zelle oxidiert.
Formal läuft folgende Reaktion ab:
| Abbildung 7: Polymerisationsschritte bei der elektrochemischen Synthese von leitfähigen Polymeren. |
| Abbildung 8: Cyclisches Voltammogramm, das das "Wachstum" eines Thiophen-Polymers während der elektrochemischen Synthese anzeigt. |
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Auch in der so genannten Plastikelektronik zeichnen sich in Form von organischen Polymertransistoren vielfältige Anwendungsmöglichkeiten ab, die anstelle von Silizium-Chips die billigen und leicht produzierbaren organischen Materialien nutzen. Ein relativ neues Einsatzgebiet ist die Verwendung von leitenden Polymeren als "künstliche Muskeln". Hierbei wird der Effekt genutzt, dass sowohl bei der Beladung wie auch Entladung von leitenden Polymeren zur Erhaltung der Elektroneutralität Gegenionen in das Polymer ein- bzw. ausgelagert werden müssen. Durch die Einlagerung von Gegenionen vergrößert sich das Volumen des Polymers. Da das Polymer auf einer dünnen Metallschicht aufgebracht ist, durch welche die Ladung erfolgt, bewirkt die Volumenveränderung eine Verbiegung der Schicht. Der Prozess ist reversibel, bei der Entladung verringert sich das Volumen wieder und das System kehrt in die Ausgangslage zurück (Abb. 9 und Video). Technologische Anwendungen zielen auf den Einsatz als Ventile oder als Mikropumpen.
| Abbildung 9: "Künstlicher Muskel" : Der Polymerstreifen verbiegt sich auf Grund von Be- und Entladung und kann als Ventil oder Pumpe genutzt werden. Das Video zeigt den Bewegungsablauf bei elektrochemischer Beladung. |