Jürgen Kintrup
Gasdiffusionselektroden, die aus der Brennstoffzellentechnik stammen, bieten das Potenzial, bei etablierten Elektrolyseverfahren den Energiebedarf deutlich herabzusetzen. Ermöglicht wird das durch die gezielte Beeinflussung der chemischen Reaktion bei einer Elektrolyse, was am Beispiel der Chlorherstellung verdeutlicht werden soll.
Chlorherstellung mit Sauerstoffverzehrkathoden - PrinzipBei der heute üblichen Chlorherstellung durch die Chlor-Alkali-Elektrolyse (s. Beitrag "Chlor, Natronlauge und anderes aus Elektrolyseverfahren" ) oder die Salzsäure-Elektrolyse entsteht an der Anode das gewünschte Hauptprodukt Chlor gemäß:
| 2 Cl- | → | Cl2 + 2 e- | E0 = + 1,36 V | (1) |
| sowie an der Kathode Wasserstoff als Nebenprodukt gemäß: | ||||
| 4 H2O + 4 e- | → | 2 H2 + 4 OH- | E0 = - 0,83 V | (2) |
| (Chlor-Alkali-Elektrolyse) | ||||
| bzw.: | ||||
| 2 H+ + 2 e- | → | H2 | E0 = 0 V | (3) |
| (Salzsäure-Elektrolyse) | ||||
| ||||
| 2 H2O + O2 + 4 e- | → | 4 OH- | E0 = + 0,40 V | (4) |
| (Chlor-Alkali-Elektrolyse) | ||||
| bzw.: | ||||
| 2 H+ + ½ O2 + 2 e- | → | 2 H2O | E0 = + 1,23 V | (5) |
| (Salzsäure-Elektrolyse) | ||||
Aufgrund der geringeren Spannungsdifferenz dieser beiden kathodischen Reaktionen (Gl. (4) u. (5)) ohne
Wasserstoffbildung zur Anodenreaktion (Gl. (1)) kann die Zersetzungsspannung für die Chlorerzeugung theoretisch
um 1,23 V gegenüber Herstellverfahren mit Wasserstoff-Entwicklung verringert werden.
Wegen der verglichen mit der Wasserstofferzeugung größeren Überspannung für die Sauerstoff-Reduktion erzielt
man praktisch bislang nur bis zu 1,0 V Energieeinsparung (s. Abb. 1 und 2).
Die als Kathode geschaltete, Sauerstoff verbrauchende Gasdiffusionselektrode wird auch als
Sauerstoffverzehrkathode (Abkürzung: SVK) oder im englischen Sprachraum als Oxygen Depolarized Cathode
(Abkürzung ODC) bezeichnet.
| Abbildung 1: Zellspannung bei der Chlor-Alkali-Elektrolyse mit und ohne Sauerstoffverzehrkathode |
| Abbildung 2: Zellspannung bei der Salzsäure-Elektrolyse mit und ohne Sauerstoffverzehrkathode |
Die Idee der Chlorherstellung ohne Wasserstoff-Erzeugung an der Kathode unter Nutzung einer
Gasdiffusionselektrode als Sauerstoffverzehrkathode ist schon älter. Bislang mangelte es aber an der
Langzeitstabilität und der Verfügbarkeit entsprechender Elektroden in technischer Größe.
Die erste technische Salzsäureelektrolyse mit Sauerstoffverzehrkathoden konnte Ende 2003 bei der Bayer AG in
Brunsbüttel mit einer Chlorkapazität von 20.000 t/a realisiert werden (s. Abb. 3).
| Abbildung 3: Elektrolyseur mit Sauerstoffverzehrkathoden in Brunsbüttel (Foto: Bayer MaterialScience AG) |
Die Sauerstoffverzehrkathode (s. Abb. 4) muss dabei auf der einen Seite den Zutritt der H+-Ionen
hinein in die Elektrodenstruktur zu den katalytisch aktiven Zentren ermöglichen, auf der anderen Seite muss
gasförmiger Sauerstoff von der Elektrodenrückseite her an die elektrokatalytisch aktiven Zentren diffundieren
können. Daher rührt übrigens die Bezeichnung Gasdiffusionselektrode.
Gleichzeitig muss das durch Reduktion des Sauerstoffs in Anwesenheit der Protonen erzeugte Reaktionsprodukt
Wasser aus der Elektrodenstruktur rückseitig abgeführt werden. Weiterhin müssen die katalytisch aktiven Zentren
säurebeständig sein und auch gegen typische Verunreinigungen technischer Salzsäurequalitäten beständig sein, was
durch Verwendung eines speziellen Edelmetall-haltigen Katalysators gelingt.
An der Anode entsteht Chlor und eine Kationen-Austauschermembran bewirkt die Gastrennung und ermöglicht die
Diffusion von H+-Ionen zur Katalysatorschicht der Sauerstoffverzehrkathode.
| Abbildung 4: Prinzip der Salzsäure-Elektrolyse mit Sauerstoffverzehrkathode |
Die bisher realisierte Energieeinsparung bei der Salzsäure-Elektrolyse mit Sauerstoffverzehrkathoden liegt in der Größenordnung von 30%.
AusblickAngesichts aktueller steigender Energiekosten kommt energie- und ressourcensparenden Verfahren eine wachsende Bedeutung zu. So ist beispielsweise die Chlor-Alkali-Elektrolyse mit Sauerstoffverzehrkathoden aktuell Gegenstand intensiver Entwicklungsarbeiten.
Neben der Chlorherstellung kann der Einsatz von Gasdiffusionselektroden auch bei anderen Elektrolyseverfahren sinnvoll sein, als Beispiele seien hier die Sauerstoffverzehrkathoden zur Herstellung von Wasserstoffperoxid (H2O2) oder aber Wasserstoffverzehranoden bei der Natriumsulfatelektrolyse genannt.