Hermann Pütter
Steht uns eine Energierevolution bevor?Im Jahre 2002 veröffentlichte der Erfolgsautor Jeremy Rifkin das Buch "Hydrogen Economy". Schon im Erscheinungsjahr der englischsprachigen Ausgabe erschien die deutsche Fassung, Titel: "Wenn es kein Öl mehr gibt…. Die H2-Revolution - mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft"[1]. Auf dem "Medienforum Deutscher Wasserstofftag" am 01.10.03 in München hielt Rifkin einen schwungvollen Plenarvortrag, in dem er anmerkte, dass seine Wasserstoff-Botschaft auch von führenden Politikern in der EU und den USA verstanden worden sei.
Rifkin engagiert sich nicht als einziger zum Thema Wasserstoff. Prof. Bockris, ein Grandseigneur der Elektrochemie, hat die 12th World Hydrogen Energy Conference im Jahre 1998 mit einem Vortrag "Hydrogen Economy in the Future" eingeleitet und hier die Herausforderungen unserer Energiezukunft skizziert [2]. S. Dunn, vom Worldwatch Institute, fasst 2002 in seinem Review "Hydrogen Futures: towards a sustainable energy system"[3] die Intentionen der Hydrogen Economy zusammen und erwähnt, dass der Begriff 1970 von General Motors geprägt wurde, als dort Ingenieure Wasserstoff zum universellen Kraftstoff für den Transport der Zukunft erklärten.
| Abbildung 1: Struktur der Hydrogen Economy |
Mit der Jahrtausendwende beginnt die Literatur zu unserem Thema sintflutartig anzuschwellen. Es gibt eine Reihe guter Übersichten über das Thema [4-11] und auch ganze Bücher zum Pro [12] und Contra [13]. Zwei bis vor kurzem noch kontrovers diskutierte Fragen scheinen entschieden:
| Abbildung 2: Argumente für eine Hydrogen Economy |
Verfügbarkeit des Rohstoffs, sichere Erzeugung, Kompaktheit, umweltfreundliche Nutzung - alles spricht also für Wasserstoff!
Diese Botschaften finden im politischen Raum offene Ohren und haben seit der Jahrtausendwende zu bedeutenden Initiativen, wie der FreedomCar in den USA und den EU-Projekten [15], HyNet, HYsociety und HYway geführt.
| Abbildung 3: Entwicklung der Energiesysteme |
In Wissenschaft und Technik ist die Reaktion nicht ganz so positiv. So hat das Panel on Public Affairs, POPA, der American Physical Society schon 2003 das FreedomCar-Projekt in einer Studie recht zurückhaltend bewertet [16]. Manche Kritiker gehen noch weiter. U. Bossel, ein Hauptvertreter der Kritiker, behauptet: "We need a Renewable Energy Economy, Not a Hydrogen Economy" [17]. Seine technisch-naturwissenschaftliche Streitschrift "The Future of the Hydrogen Economy: Bright or Bleak?" findet sich auf der Homepage der Lucerner European Fuel Cell Forums [18].
Wie würde eine Energiewirtschaft aussehen, die unser heutiges System erst ergänzen und dann allmählich ablösen würde (Abb. 4)? Schon heute gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, um Strom, Wärme, Gas und Kraftstoffe aus regenerativen Quellen anzubieten. Die heutigen Schwachstellen sind offenkundig:
Entscheidend für die Anteile an Wärme Strom, Biofuels und Wasserstoff in unserer zukünftigen Energieversorgung sind also technologische Fortschritte, die bei allen regenerativen Energieträgern zu erwarten sind. Die Elektrochemie ist bei vielen Technologien einer regenerativen Energiewirtschaft gefordert:
| Abbildung 4: Regenerative Energien im Verbund |
Würde Abb. 4 alle heute halbwegs realistischen Konzepte regenerativer Energien darstellen, hätte sie wohl die Fläche eines Fußballfeldes. Da Zeit und Mittel begrenzt sind, steht die internationale Gemeinschaft vor dem Problem, eine kluge Auswahl zu treffen. Dies gilt bereits für heutige Forschungsprojekte, die schon weltweit Milliardensummen verschlingen. Beispielhaft für dieses Dilemma ist ein Streitgespräch zwischen den US-Wasserstoffexperten, S.G. Chalk und J.J. Fromm [19].
Biofuels (Biokraftstoffe) könnten ein Kompromissfeld für Gegner und Befürworter der Hydrogen-Economy sein. Abb. 5 zeigt wichtige Wege zur Umwandlung von Sonnenenergie in Wasserstoff, Strom, Wärme und Biofuels. Jeder Weg repräsentiert eine Fülle von möglichen Ansätzen, die hier nicht näher ausgeführt werden können. Die jeweils beste Option hängt nicht allein von der Technik und ihrem Entwicklungsstand ab. Sicherheit, soziale Akzeptanz, Kosten, Standortfragen und vieles mehr sind ebenso bestimmend.
| Abbildung 5: Solare Energienutzung - Viele Wege führen nach Rom |
Biofuels, energetisch verdichtete Biomasse, sind ideal lager- und transportfähig. In den USA, in Brasilien, in der EU und vielen anderen Ländern werden landwirtschaftliche Flächen für Biofuels bereitgestellt. Ethanol und Biodiesel sind heute die beiden wichtigsten Biokraftstoffe, nutzen aber nur Teile (Zucker, Öle) spezieller Pflanzen (z.B. Zuckerrohr, Raps). Sie könnten in Zukunft von Methanol oder sog. Sunfuels abgelöst werden. Denn hierfür werden Verfahren entwickelt, die jede Art von Biomasse vollständig nutzen können. Abb. 5 zeigt dies in einem vereinfachten Schema.
Hierbei wird die Biomasse zunächst thermisch in ein sog. Synthesegas verwandelt, welches umso ergiebiger ist, je mehr Wasserstoff es enthält. Biomasse liefert aufgrund ihrer chemischen Struktur nur wenig Wasserstoff. Durch Zusatz von Wasserstoff kann die Biofuel-Ausbeute verdoppelt werden.
Agrarflächen sind begrenzt. Es bietet sich an, Biomasse mit Solarwasserstoff (z.B. aus Windkraft + Wasserelektrolysen) zu verknüpfen, um so die Hektarerträge an Biofuels zu erhöhen. Wasserstoff ist hier also gleichzeitig Energieträger und Chemikalie.
Ein kluger EnergieverbundIn einem zunehmend regenerativen Energieverbund eröffnen sich der Elektrochemie interessante Aufgabenfelder, die insbesondere die Verfügbarkeit von Strom und Wasserstoff beeinflussen werden. Wasserstoff wird eine wichtige Rolle spielen unabhängig davon, ob man dies "Hydrogen Economy" nennen wird. Sicherlich wird dieser Energieverbund auf mehreren Säulen ruhen: Strom, Wärme, Biofuels, Wasserstoff.
Wie wir gesehen haben, werden viele Wege geprüft und begangen. Hierbei ist ein merkwürdiges Rationalitätsdefizit zu beobachten. Schwerpunkte der allermeisten Energiestudien und -szenarien sind Technologie, Ökologie und Kosten. Das Verhalten der Verbraucher gilt als Naturkonstante.
Dies spricht nicht für Vertrauen in die Klugheit der Bürger. Dabei finden Bücher mit Ratschlägen zu ökologischen Verhaltensänderungen immer wieder den Weg in die Bestsellerlisten - so auch dieses Jahr [21]. Warum wird in Energiestudien unsere Vernunft ausgeklammert, wo doch offenbar die Bereitschaft besteht, sie anzuwenden?
Vielleicht könnten wir einige Jahrzehnte gewinnen, wenn wir diesem erstaunlichen Widerspruch genauer nachgingen.