„Analytik - Partner der Wertschöpfung in der pharmazeutischen und chemischen Industrie“

Klaus-Dieter Franz

Der Anfang

Das heutige Verständnis der Chemie wie wir sie in Wissenschaft und Industrie betreiben, hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert, wo erstmals genau geplante Reaktionen mit definierten Ausgangsmaterialien in dafür konzipierten Apparaturen mit präzisen Gewichts- und Volumenmessungen begleitet wurden (Abb. 1).[1,2] Die daraus resultierenden Substanzen wurden schon damals möglichst vollständig charakterisiert und dies alles in einer reproduzierbaren Weise beschrieben und dokumentiert. Dieser gesamte Prozess - wir nennen das heute Analytik -, der das Experiment und dessen modifizierte Umsetzung in beliebigen Größenordnungen begleitet, schuf somit den Übergang vom empirisch geprägten Hantieren und Umwandeln von Substanzen zur Chemie als exakter Wissenschaft.

Damit waren aber auch durch Verständnis und Reproduzierbarkeit chemischer Reaktionen die Voraussetzungen für die Umsetzung in die Praxis gegeben: der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie.


Stellenwert der Analytik

Bis weit in das 20. Jahrhundert gehörten grundlegende analytische Techniken zu den handwerklichen Grundlagen der Chemiker in Forschung und Entwicklung. Bezeichnenderweise entstanden zuerst in den chemischen und pharmazeutischen Fabriken Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitsteilig spezialisierte analytische Labore zur Überwachung von Reinheit und zugesicherten Eigenschaften.[1,3]
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts brachte jedoch das Aufkommen spektroskopischer, chromatographischer und anderer instrumenteller Verfahren und damit die immer spezialisierte, arbeitsteilige Organisation der Analytik als Service durch andere Labore eine Verschiebung des Stellenwerts. Analytik wurde weiter bei großen chemisch-pharmazeutischen Unternehmen zunehmend von den internen Auftraggebern als austauschbarer Dienstleister gesehen und dann teilweise ausgegründet.[4,5] Unabhängig von der Organisationsform als interner oder externer Dienstleister haben sich aber die methodische Leistungsfähigkeit, das Aufgabenspektrum und das Anforderungsprofil substantiell gewandelt.[6]
Diese zunehmende Diskrepanz von Bedeutung und Stellenwert wurde auch von führenden Vertretern der analytischen Forschung gesehen. Richtigerweise entwickelte aus dieser Zustandsanalyse eine Arbeitsgruppe der FECS (Federation of European Chemical Societies) innerhalb eines Curriculums für die Lehre der Analytischen Chemie eine aktuelle Interpretation, umfassendes Aufgabenprofil und klares Selbstverständnis der heutigen Analytik (Abb. 2).[7]
Damit wurde ein wesentlicher neuer Aspekt der Analytik in das Zentrum des Selbstverständnisses gestellt: Analytik erzeugt Information! und ist somit nicht beschränkt auf Messwerte und Daten. Wir sind somit im erkenntnistheoretischen und erkenntnis-systematischen Sinn eine wissenschaftliche Disziplin [8], als auch ein wesentlicher Verantwortungsträger unabhängiger Information. Erst die richtige Fragestellung aus dem Problemverständnis, die umfassende Bewertung und Einordnung und Weitergabe in aussagekräftiger Form für den Auftraggeber als Partner machen den Wert der Analytik aus. Die richtige Information ist von Nutzen, sie schafft eine Wertsteigerung, weil damit eine Verantwortung für ein belastbares Ergebnis - im wirtschaftlichen Umfeld heißt das auch Haftung - übernommen wird. Für den Auftraggeber bedeutet das Effizienz, Verlässlichkeit, Vertrauen.[9]


Wandel des Aufgabenprofils

Mit zeitlichem Abstand betrachtet ist es nicht verwunderlich, dass sich vor ca. 10-20 Jahren die Analytische Chemie, besser "Analytical Science" in Hochschule und Industrie neu definieren musste, da völlig neue Erwartungen gestellt werden:

Der Bedarf an analytischer Information auf der Basis wissenschaftlich fundierter Messungen hat sich somit zu einem Aufgabenspektrum umfassend erweitert (Abb.3). Die Analytik ist so an jedem Schritt der chemisch/pharmazeutischen Wertschöpfungskette wesentlich beteiligt (Zitat B. Ciommer, ANAKON 2001), (Abb. 4). D.h., Analytik bedeutet nicht nur Kosten, sondern auch Nutzen. Wer käme auf den Gedanken, eine chemische Substanz ohne Spezifikation und Zertifikat gemäß den überprüfbaren regulatorischen und vereinbarten Vorgaben in den Verkehr zu bringen? [12] Mit diesem Wandel der Aufgaben der Analytik muss der Analytiker außerhalb der Hochschule weitere Kompetenzfelder mit abdecken oder zumindest verstehen, an welchen übergeordneten Abläufen er Teil nimmt:[13,14]
Aber auch der klassische Bereich der Analytik wird sich weiter entwickeln:
Seit Boyle, Priestley, Lavoisier, Dalton, Kirchoff ... ist die chemische Analytik weite Wege gegangen, hoch hinauf mit immer klarerem Blick in die Ferne und auch kleinste Dimensionen. Eine Betrachtung der Nobelpreise in Chemie, Physik und Medizin zeigt, dass überproportional oft die Vertiefung und Schaffung neuer Mög-lichkeiten zum Erfassen und Verständnis der Natur und Zusammensetzung von Materie in Zeit und Raum - d.h. also analytischer Methoden - honoriert wurden.
Die Vielzahl der Beiträge in dieser Reihe der "Aktuellen Wochenschau" belegt das und zeigt, dass wir selbstbewusst auf unsere Disziplin schauen können und kompetent das Vertrauen und die Verantwortung übernehmen können.


Dr. Klaus-Dieter Franz
Merck KGaA
Zentrale Dienste-Analytik
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