„Wie lassen sich Biochips schnell, label-frei und mit hoher Empfindlichkeit auslesen?“

Gerald Steiner

I Einleitung

Die Detektion von Biochips oder Biosensorarrays ist gewiss kein grundlegend neues Gebiet. Immunoarrays und DNA-Chips sind seit Jahren Routine. Die Detektion der biochemischen Wechselwirkungen wird zum Beispiel elektrochemisch oder mittels Fluoreszenzmarker vorgenommen. Diese Methoden sind zwar sehr sensitiv, stoßen aber mit den Anforderungen neuer Biosensorarrays schnell an ihre Grenzen. Insbesondere unter dem Blickwinkel von Proteomics werden Detektionsmethoden benötigt, die weder eine Labelung erfordern noch Rückwirkungen auf die Moleküle zeigen. Diese Forderungen, kombiniert mit einer schnellen und parallelen Detektion, werden von optischen Methoden bestens erfüllt. Aufgrund ihrer hohen Sensitivität sind interferometrische und resonanzspektroskopische Verfahren besonders geeignet. Im Folgenden soll die Oberflächenplasmonen-Resonanz als eine Methode für das Lesen von Biochips vorgestellt werden.

II Oberflächenplasmonen-Resonanz Imaging

Die Oberflächenplasmonen-Resonanz (engl.: surface plasmon resonance - SPR) ist eine oberflächensensitive Methode zur Erfassung von minimalen Änderungen des Brechungsindexes oder der Schichtdicke sehr dünner Filme. Die SPR wird seit vielen Jahren vorzugsweise zur Detektion kompetiver und rezeptiver Bindungsprozesse zwischen Biomolekülen eingesetzt. Seit kurzem wird die SPR zunehmend auch als Imagingmethode für das Lesen von Biosensorarrays angewendet. Das SPR-Imaging gestattet mit hoher Empfindlichkeit Änderungen des Brechungsindexes oder der Schichtdicke abzubilden.
Zum besseren Verständnis des SPR-Imaging soll zunächst kurz die klassische, nicht flächenaufgelöste SPR kurz erläutert werden. Für die Anregung der Oberflächenplasmonen ist ein optisches Prisma mit einem etwa 50 nm dicken Metallfilm erforderlich. An der Grenzschicht Glasprisma-Metallfilm wird Licht totalreflektiert. Das evaneszente Feld des totalreflektierten Lichtes regt bei bestimmten Bedingungen, den sog. Resonanzbedingungen , die Plasmonenwelle an. In dem Metallfilm schwingen die Leitungselektronen mit einer Resonanzfrequenz, die sowohl durch Metall- und Grenzflächeneigenschaften als auch durch die Wellenlänge und den Einfallswinkel des Lichtes bestimmt wird. Die Anregung der Plasmonenwelle und die damit verbundene Übertragung der Energie des Lichtes auf die Elektronen in dem Metallfilm zeigt sich im reflektierten Licht als stark verminderte Intensität. Das Reflexionsminimum wird winkelabhängig erfasst. Da die Grenzflächeneigenschaften direkt den Einflüssen der Umgebung unterliegen, führen Änderungen in unmittelbarer Nähe der Metallschicht zu einer Verschiebung der Resonanzfrequenz. Die Verschiebung der Reflektivitätskurve ist leicht erkennbar und messbar. Aus der Lage bzw. der Verschiebung der Resonanzfrequenz lassen sich im Fall der Biosensoren Rückschlüsse auf Adsorptionsprozesse an oder nahe der Metalloberfläche ziehen.

Abbildung 1: (a) Prinzip des SPR-Imaging. Der Metallfilm wird mit einem parallelen und monochromatischen Lichtstrahl unter dem Winkel a beleuchtet. Der CCD-Detektor erfasst die Verteilung der reflektierten Intensität. (b) Tritt eine Verschiebung der SPR, z.B. durch ein Bindungsereignis in einem Spot auf, verändert sich auch die Intensität des reflektierten Lichtes. Dadurch bildet sich das Analyt-Array als Hell-Dunkel-Muster der Spots auf dem Detektor ab.

Grundsätzlich beruht auch das SPR-Imaging auf der Anregung der Plasmonenwelle. Der wichtigste Unterschied zur klassischen SPR besteht lediglich in der Anwendung eines parallelen und monochromatischen Lichtstrahls sowie in der Detektion mit einem Arraydetektor. Das Prinzip des SPR-Imaging ist in der Abb. 1 schematisch dargestellt. Man wählt den Einfallswinkel a und die Wellenlänge so, dass eine Position auf einer der beiden steilen Flanken der Plasmonenresonanz getroffen wird. Das reflektierte Lichtbündel trifft auf den Arraydetektor. Da Einfallswinkel und Wellenlänge konstant sind, führt eine Verschiebung der Plasmonenresonanz zu einer Veränderung der reflektierten Intensität. Von dem Arraydetektor wird nun das SPR-Image mit dem entsprechenden Muster des Hell-Dunkel-Kontrastes detektiert. Ungleichmässige Ausleuchtungen der Probenfläche oder Veränderungen der Lichtquelle können durch die Aufnahme eines Referenzbildes kompensiert werden. Dazu muss lediglich die Polarisation des einfallenden Lichtes um 90° gedreht werden. Liegt die Polarisationsebene des Lichtes parallel zur Metalloberfläche, kann die Plasmonenwelle nicht angeregt werden und es erfolgt eine normale Reflexion.
Unter Beibehaltung der hohen Empfindlichkeit lässt sich eine Flächenauflösung von rund 2 µm erreichen. Mit dem SPR-Imaging lassen sich Unterschiede im Brechungsindex von weniger als 0,0001 oder Schichtdickenänderungen von rund 1 nm flächenaufgelöst abbilden. Damit können Bindungsereignisse zwischen Biomolekülen mit einer lateralen Auflösung von wenigen Mikrometern erfasst werden. Aufgrund dieser Merkmale rückt das SPR-Imaging mit dem Hintergrund von Biosensorarrays zunehmend in das Interesse der analytischen Biochemie. Unterstützung erhielt das SPR-Imaging auch durch die rasante Entwicklung auf dem Gebiet der Daten- und Telekommunikation. Die erforderlichen Komponenten für das SPR-Imaging wie Laserdioden, schnelle und empfindliche CCD-Kameras, Filter und mikrooptische Bauelemente sind inzwischen Massenartikel und damit preiswert. Die beiden größten Nachteile, die unspezifischen Detektion sowie die starke Empfindlichkeit gegenüber Temperaturschwankungen, können durch Methoden der Bildverarbeitung bzw. eine konstante Probentemperierung gut kompensiert werden.

III Anwendungen

In den vergangenen Jahren hat sich der Schwerpunkt von SPR-Imaging Messungen eindeutig von der Charakterisierung ultradünner Filme hin zur Detektion von Biosensorarrays verschoben. In der Literatur sind eine Vielzahl von Anwendungen für das Lesen von Affinitätssensorarrays beschrieben. So konnten mit dem SPR-Imaging flächenaufgelöst Wechselwirkungen zwischen DNA/DNA, DNA/Protein oder Protein/Protein abgebildet werden. Als Beispiel zeigt die Abb. 2 das SPR-Image eines DNA-Biochips.

Abbildung 2: SPR-Image eines DNA-Chips. In dem Falschfarbenbild heben sich die blauen DNA-Spots deutlich von dem Substrat ab.

Auf einem goldbeschichteten Prisma wurden Oligonukleotide gespottet und nachfolgend gewaschen. Die sehr dünne Schicht der Oligonukleotide ist ausgezeichnet erkennbar. Es lassen sich sogar Inhomogenitäten innerhalb der Spots erkennen. Die Nachweisgrenze solcher Biochips liegt im unteren Nanomol- bis Femtomolbereich. Neben der einfachen Erkennung eines Bindungsereignisses sind auch Aussagen über die Art der Bindung aus dem SPR-Image ableitbar. So lassen sich beispielsweise high- und low-affinty Bindungen zwischen Transkriptionsregulatorproteinen und deren DNA-Sequenzen mittels SPR-Imaging quantifizieren.

Abbildung 3: Prinzip eines Ionenkanal-Sensorarrays. In einer mikrostrukturierten Polymerschichten werden Ionenkanäle mit einem umgebenden Lipidfilm integriert. Öffnet der Ionenkanal infolge Anbindung eines Liganden strömen Ionen in das Reservoir. Die Änderung der Ionenkonzentration wird mittels SPR-Imaging detektiert.

Eine weitere Anwendung zeigt die Abb.3. Hier wird das SPR-Imaging zur Detektion der Aktivität von Ionenkanälen, die in einem Array angeordnet sind, eingesetzt. Strömen Ionen durch einen aktivierten und geöffneten Ionenkanal, so verändert sich die Konzentration von Ionen in dem Reservoir und damit an der Oberfläche des SPR-Transducers. Wie Untersuchungen zeigten, führt das Schalten der Ionenkanäle, ausgelöst durch einen Liganden, zu einer Verschiebung der Plasmonenresonanz. Diese Signaländerung kann nun auch als Intensitätssignal in Form eines Images abgebildet werden. Da die Signaländerungen sehr klein sind, müssen zur Auswertung der Images Methoden der Bildverarbeitung herangezogen werden. In SPR-Imaging Messungen wurde das Öffnen des Ionenkanals durch eine Veränderung der Konzentration von K+-Ionen simuliert. Die Messungen zeigten, dass die Aktivierung eines Ionenkanals und die damit verbundene Änderung der Ionenkonzentration in einem Volumen mit dem SPR-Imaging sehr gut detektierbar ist.

IV Fazit

Kaum eine andere label-freie Detektionsmethode besitzt eine so hohe Empfindlichkeit, lässt sich für paralleles und schnelles Lesen von Biochips einsetzen und ist zudem einfach anwendbar wie das SPR-Imaging. In jüngster Zeit rückt das SPR-Imaging mit der fortschreitenden Entwicklung von DNA- und Proteinchips zunehmend in das Interesse der analytischen Biochemie. Es lassen sich sowohl Bindungs- als auch Transportprozesse flächenaufgelöst detektieren. Was die technische Seite angeht, so sind zur Zeit noch überwiegend "Eigenbaugeräte" in Forschungs- und Entwicklungslabors im Einsatz. Seit kurzer Zeit sind aber auch SPR-Imaging Gerätesysteme kommerziell erhältlich. Die Entwicklungen dürften sich in zwei Richtungen bewegen. Zum einen wird an Oberflächenbeschichtungen zur Unterdrückung der unspezifischen Adsorption gearbeitet, zum anderen verschiebt sich die Wellenlänge des Messlichtes zunehmend von den klassischen "roten" Lichtquelle in das nahe Infrarot (NIR). Der Vorteil liegt auf der Hand: im NIR lassen sich neben den üblichen Glassubstraten auch Silizium für Biochips einsetzen. Zudem wird die Resonanzkurve "schärfer", wodurch die Empfindlichkeit steigt.


Dr. Gerald Steiner
Technische Universität Dresden
Institut für Analytische Chemie
01062 Dresden
E-Mail: gerald.steiner@chemie.tu-dresden.de